„Die Mafia ist in Europa gefährlicher als in Italien“
Das Europäische Parlament richtet einen Sonderausschuss zur Untersuchung der europäischen Mafias ein, der neue Gesetze zur Bekämpfung ihrer grenzüberschreitenden Aktivitäten vorschlagen soll. Die Idee stammt vom italienischen EU-Abgeordneten Rosario Crocetta (Sozialdemokratische Fraktion), der im Juli 2009 einen entsprechenden Brief an den Parlamentspräsidenten Jerzy Buzek geschrieben hatte. Der 60-jährige Sizilianer, der von der Mafia bedroht wird und rund um die Uhr unter Polizeischutz steht, beantwortete im Interview die Fragen unseres Brüssel-Korrespondenten Tansel Terzioglu.

Bild: Europ. Union
Rosario Crocetta: Ich denke nicht, dass er einen Schock erleiden wird. Aber ab dem Zeitpunkt, wenn der Ausschuss seine Arbeit aufnimmt, wird die Europäische Union dieses Problem als eine ihrer Prioritäten betrachten. Daher kann man sagen, dass die Mafia sich mehr Sorgen machen muss.
Wir sprechen immer von der Mafia, aber eigentlich gibt es heutzutage ja mehr als nur die klassische Mafia aus dem Süden Italiens. Wie hat sich das Phänomen Mafia verändert?
Nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Mafia hat sich globalisiert. Bis vor einigen Jahren hieß es, die Mafia ist ein italienisches Phänomen. Jetzt sind neue Mafias entstanden, man denke nur an die Rolle der russischen Mafia oder der albanischen, der bulgarischen, der litauischen oder der chinesischen Mafia. Diese Gruppierungen sind im Allgemeinen untereinander verbunden. Auch die Eigenschaften der Mafia haben sich verändert. Das bisherige Bild von der Mafia war mitunter folkloristisch angehaucht. Jetzt hat sie sich zu etwas anderem entwickelt. Sie macht große illegale Geschäfte, und zwar immer mehr supranational, über die Grenzen hinweg. Denken wir nur an den Drogenhandel oder den Waffenhandel. Es ist klar, dass man das nicht mit nationalen Organisationen bewerkstelligen kann. Das Kokain kommt aus Mexiko oder Kolumbien und muss über Marokko und Spanien nach Frankreich, Belgien oder Holland gelangen. Das ist nur die Westachse. Auf der östlichen Achse müssen die Drogen Afghanistan, die Türkei, Osteuropa, Deutschland passieren. In allen Ländern gibt es Verbindungen untereinander.
Können sie uns Zahlen nennen? Wieviel Geld ist da im Spiel?
Studien der EU-Kommission gehen von bis zu 600 Milliarden Euro aus, die das organisierte Verbrechen und die Mafia umsetzen. Allein in Italien sind es 120 Milliarden. Damit könnte man leicht die Schuldenprobleme einiger Mitgliedsstaaten lösen.
Was passiert mit diesem Geld?
Da stellt sich die Frage nach der Geldwäsche. Bisher geht das sehr einfach, weil niemand danach fragt, wo das Geld schlussendlich hinfließt. Man muss die Linien und Spuren zurückverfolgen, die das Geld hinterlässt. Davon hängt sehr viel ab, denn es gibt viele legale Unternehmen, die sich an die Gesetze halten und dadurch Nachteile im Wettbewerb mit anderen Firmen haben, die Schwarzgeld benutzen. Wir müssen intervenieren und Regulierungsmöglichkeiten für den Markt finden, damit die legalen Unternehmen bevorzugt werden.
Wie stellen sie sich das konkret vor?
In Italien gibt es beispielsweise ein Gesetz, das es Unternehmen, die Verbindungen zu mafiosen Organisationen haben, verbietet, an Ausschreibungen für öffentliche Aufträge teilzunehmen. In anderen Ländern gibt es kein derartiges Gesetz. Das führt zum Beispiel zur paradoxen Situation, dass ein solches Unternehmen nicht an Ausschreibungen in Italien teilnehmen kann, aber sehr wohl in Berlin, Wien oder Brüssel. Das ist inakzeptabel. Wir wollen jetzt einen moderneren, realistischeren Ansatz zur Bekämpfung der Mafia finden. Wird das einen Herzinfarkt bei Mafiosi bewirken? Ich glaube, dass sie langfristig mehr als einen Herzinfarkt haben werden.
Hat dieses Gesetz in Italien etwas bewirkt?
Ja, sehr viel. Ich habe diesbezüglich als ehemaliger Bürgermeister persönliche Erfahrungen. Indem wir begonnen haben, dieses Gesetz anzuwenden, haben wir verhindert, dass große öffentliche Bauaufträge an die Mafia gegangen sind. Das ist eine entscheidende Etappe im Kampf gegen die Mafia.
Erzählen sie uns etwas über sich und ihr Verhältnis zur Mafia. Sind sie noch immer Bürgermeister von Gela?
Nein, ich bin nicht mehr Bürgermeister, weil das nicht mit meiner Abgeordnetentätigkeit vereinbar ist. Ich habe sicherlich kein gutes Verhältnis zur Mafia. Als ich 2003 gewählt wurde, musste ich das Wahlergebnis anfechten und wurde erst nach einer Neuauszählung zum Wahlsieger erklärt. Die Mafia wollte mich nicht als Bürgermeister, und sie drohten über meinen Anwalt, mich in sechs Wochen umzubringen, wenn ich gegen sie ankämpfen wolle. Ab diesem Zeitpunkt habe ich den Kampf gegen die Mafia aufgenommen. Die Drohungen wurden immer stärker, und im Dezember 2003 hat man herausgefunden, dass eine Gruppe von Mafiosi gemeinsam mit der litauischen Mafia plante, mich in meiner Stadt umzubringen. Bis heute haben die Sicherheitskräfte vier Attentatspläne gegen mich aufgedeckt. Zuletzt haben sie am 24. Januar vergangenen Jahres 15 Personen festgenommen, die meine Eliminierung planten. Auch kurz vor der Bekanntgabe meiner Kandidatur für das Europaparlament im April 2009 wurde ein Mordkomplott aufgedeckt.
Was hat die Mafia gegen sie?
In meiner Stadt gab es einen großen Krieg innerhalb der Mafia, bei dem 300 Menschen getötet wurden. Es war unmöglich, irgendetwas gegen den Willen der Mafia zu tun. Ich habe als Bürgermeister begonnen, die öffentlichen Bauarbeiten zu kontrollieren und den Aufbau einer großen Vereinigung gegen die Mafia und gegen die Schutzgelderpressung gestartet. In den letzten fünf Jahren meiner Amtszeit ist es mit Hilfe dieser Vereinigung gelungen, über 950 Mitglieder der Mafia festzunehmen. Das ist ein großer Erfolg. Vor allem aber haben wir dieses Modell der Zusammenarbeit zwischen der Zivilgesellschaft, der Justiz und der Polizei auf viele andere Städte und Regionen ausweiten können.
Jetzt wollen sie dieses Modell auch nach Europa exportieren. Müssen die Mitglieder des neuen Parlamentsausschusses mit Drohungen seitens der Mafia rechnen? Werden sie vielleicht auch – so wie sie – Polizeischutz brauchen?
Das kann schon sein, das hängt davon ab, was diese Mitglieder machen werden, ob sie etwas anfassen, was sie nicht dürfen, oder ob sie etwas herausfinden, das Probleme schafft. Natürlich gibt es immer ein Risiko. Ein Politiker, der sich zur Mitarbeit in einem Anti-Mafia-Ausschuss entschließt, weiß sehr wohl, dass es sich dabei nicht um einen Wohltätigkeitsverein handelt. Als Optimist gehe ich aber nicht von vornherein davon aus, dass die Mitglieder Polizeischutz benötigen werden.
Warum behaupten sie, dass die Mafia für Europa ein größeres Problem sei als für Italien?
In Italien gibt es die Mafia, aber es gibt auch eine Front gegen die Mafia. Deshalb ist Italien in dieser Hinsicht viel weiter als die meisten anderen europäischen Länder. Es gibt Länder, wo es auch eine Mafia gibt, wo aber keinerlei Diskussion darüber geführt wird.
Die Mafia ist jetzt also außerhalb Italiens gefährlicher als in Italien?
Ja, das glaube ich. Sie ist zum Beispiel auch gefährlicher im Norden Italiens als im Süden. Denn im Süden haben wir Erfahrung damit. Auf Sizilien haben wir zum Beispiel die genannten Vereinigungen gegründet, und die Menschen denunzieren die Mafia. Im Norden glauben sie, sie hätten keine Probleme, aber dort hat die Mafia die legale Wirtschaft unterwandert. Das Gleiche gilt für die Mafia und andere kriminelle Organisationen in Europa. Europa muss jetzt die Erfahrungen Italiens oder der USA mit der Mafia nutzen. Wir haben einen freien Markt, wo die Menschen und das Geld frei zirkulieren. Jetzt brauchen wir neue Gesetze, die uns beschützen.
Es gab im Europäischen Parlament Abgeordnete, die wegen Mafia-Verbindungen verurteilt worden sind. Gibt es auch heute Mafia-Abgeordnete im EU-Parlament?
Es gibt einen italienischen Abgeordneten, der angeklagt ist wegen des Verdachts, für die Mafia Wählerstimmen gekauft zu haben. Aber darüber müssen die Richter entscheiden.
Vielen Dank für das Interview.


















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