Freitag 24. Mai 2013, 16:44

Kommentare


Die Krise der Mächtigen

Österreichs Bundesregierung, ist immer wieder zu hören, bringe nichts weiter und sei schlichtweg eine Katastrophe. Diese weit verbreitete Meinung ist naturgemäß etwas übertrieben und - zumindest im EU-Vergleich - nicht zutreffend, Denn wenn man sich den Spaß antut, die Performance der übrigen europäischen Regierungen zu analysieren, dann stellt man rasch fest: Unter den Blinden ist der Einäugige König. Der rot-schwarzen Koalition unter Kanzler Werner Faymann einen monarchischen Touch zu verleihen, ist zwar ziemlich unangebracht, doch wir können ihr zumindest zu Gute halten, dass etliche EU-Staaten von weitaus untätigeren, unfähigeren und letztlich katastrophaleren Kabinetten regiert werden.

Werner Faymann
Werner Faymann
Bild: SPÖ
Denn wenn man sich den Spaß antut, die Performance der übrigen europäischen Regierungen zu analysieren, dann stellt man rasch fest: Unter den Blinden ist der Einäugige König. Der rot-schwarzen Koalition unter Kanzler Werner Faymann einen monarchischen Touch zu verleihen, ist zwar ziemlich unangebracht, doch wir können ihr zumindest zu Gute halten, dass etliche EU-Staaten von weitaus untätigeren, unfähigeren und letztlich katastrophaleren Kabinetten regiert werden. Und das mag für die rot-weiß-roten Kritiker ja schon ein - wenn auch schwacher - Trost sein. Faktum ist, dass europa-weit viele Staatsmänner am Werk sind, die diese Bezeichnung beileibe nicht verdienen. Manche haben das Pech, die akuten Probleme nicht lösen zu können, weil sie selber das Problem sind. Andere wiederum pflegen in politischem Opportunismus zu baden, begnügen sich mit leeren Versprechen und Durchhalteparolen und führen ihr Land zielsicher an den Rand des Ruins. Da gibt es noch jene, die - zumeist erst kurz im Amt - unterhalb der Wahrnehmungsschwelle agieren, das Vertrauen ihrer Wähler jedoch bereits wieder verloren haben und daher knapp vor dem Abschuss stehen. Schließlich könnte bald ein eisiger Wind etliche Regierungschef aus dem Amt blasen, deren durchaus nötige Reformen mit empörten Protestaktionen quittiert werden.

 

Ein Streifzug durch Europa

In Brüssel, dem Sitz der EU-Zentrale, wo unentwegt ein stärkerer Zusammenhalt der 27 EU-Mitgliedsländer gepredigt wird, herrscht seit Jahren politisches Chaos der Extraklasse: Belgien ist in drei Regionen und drei Sprachfamilien gesplittet und befindet sich in einem politischen Lähmungszustand. Der christdemokratische Premier Yves Leterme ist zwar - mit fast einjähriger Unterbrechung - seit März 2008 im Amt, aber schon zwei Mal zurückgetreten und nunmehr lediglich Chef einer provisorischen Übergangsregierung mit Ablaufdatum. Am Endlos-Konflikt Flamen gegen Wallonen - irgendwie erinnert das an Serben gegen Bosniaken oder Tschechen gegen Slowaken vor rund zwanzig Jahren - scheitert die dringend nötige Staatsreform, die Rechte und Finanzmittel der Regionen neu verteilen müsste. König Albert II hat, nach mehreren erfolglosen Anläufen, eine zukunftsträchtige politische Konstellation zu finden, kürzlich den Chef der wallonischen Sozialisten, Elio Di Rupo, mit der Bildung einer Regierung beauftragt. Damit soll das einjährige Interregnum, das Belgien einen Platz im „Buch der Rekorde“ sichert, endlich beendet werden.

Ein Jahr ohne definitive Regierung - das wäre in anderen Staaten wohl der Wunschtraum vieler Bürgerinnen und Bürger. Und in der Tat: Vor allem in der problembeladenen PIGS-Runde - Portugal, Irland, Griechenland und Spanien - haben es die dortigen Regierungen auf Grund wirtschaftlicher und sonstiger Troubles immens schwer, sich an der Macht zu halten. In Portugal etwa trat Ministerpräsident José Socrates nach sechsjähriger Amtszeit und nach Verlust der absoluten Mehrheit im März zurück, weil ihm die Opposition die Zustimmung zu einem massiven Sparpaket verweigert hat. Der Chef der „Partido Socialista“ bleibt zwar bis 5. Juni geschäftsführender Regierungschef, muss aber bei den Neuwahlen seinen stärksten Gegenspieler Pedro Passos Coelho erst besiegen. Der Vorsitzende der konservativen Oppositionspartei habe laut Socrates „das gesamte Land blockiert“, weil er gegen die durchaus harten Spar- und Sanierungsmaßnahmen der Regierung votierte. Der Noch-Regierungschef kann jedenfalls mit dem Argument punkten, dass er für das hochverschuldete Land in höchster Not das 78 Milliarden Euro umfassende EU-Rettungspaket zu Stande gebracht hatte.

Das Chaos in Belgien

 

 

 

 

 

Kenny Enda
Kenny Enda
Bild: European People's Party
Wie schwer es eine Regierung haben kann, die am Brüsseler Geldtropf hängt, weiß neuerdings auch der bei den Unterhauswahlen im Februar 2011 als Sieger hervorgegangene Enda Kenny. Der Chef der bis dahin zweitstärksten Partei „Fine Gael“ löste den alles andere als rasend beliebten Brian Cowen als Ministerpräsident Irlands ab. Erster Job des Konservativen: Das schon im Vorjahr verabreichte Hilfspaket der Union - 85 Milliarden Euro - wurde landesweit wegen vermeintlich unfairer Konditionen heftig kritisiert, also musste er mit Brüssel neu verhandeln. Allerdings: Ohne Geldspritze wäre die einstige Vorzeige-Republik, die in Folge der hausgemachten Banken-Krise vor dem Bankrott stand, verloren. Kenny, der eine Koalition mit der Labour-Partei einging, machte das in seiner Antrittsrede deutlich: „Die derzeitige Krise ist die dunkelste Stunde vor der Morgendämmerung“. Schöne Worte, denen wenig Taten folgten. Der Spielraum für die neue Regierung ist freilich angesichts des horrenden Haushaltsdefizits und der galoppierenden Staatsverschuldung sehr beschränkt. Sie durchforstet etwa den öffentlichen Dienst und muss den Bürgern sogar an die private Altersvorsorge gehen, aber das Tempo dabei wirkt eher gemächlich. Den irischen Gewerkschaften wird vorgeworfen, dass sie bereits beschlossene Sparmaßnahmen sabotieren.

Ein ähnliches Lied könnte in Griechenland die schwache Mitte-Links-Regierung unter Ministerpräsident Giorgos Papandreou anstimmen. Sie hat zwar versucht, den Bürgern reinen griechischen Wein einzuschenken, sah sich in der Folge aber mit wüsten Ausschreitungen konfrontiert, als hunderttausende Menschen gegen die staatlichen Sparpläne protestierten. Papandreou hat zwar in Brüssel die monströse EU-Geldspritze erschnorrt, was an sich noch wenig über die Qualität seiner Regierung aussagt. Jetzt muss er rasch beweisen, wie handlungsfähig sein Team tatsächlich ist. Die EU, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds werden nämlich nur dann grünes Licht für die nächsten 12 Milliarden Euro geben, wenn die Regierung ein umfangreiches Privatisierungsprogramm auf die Reihe bringt, das weitaus mehr bringen soll als die von Papandreou genannten 50 Milliarden. Es wird davon abhängen, ob Regierung und Opposition ihre kleinlichen Streitereien beilegen können und in Hinkunft gemeinsam an einem Strang ziehen - oder eben nicht.

Aus der politischen Lethargie erwachen müsste auch die amtierende Mitte-Links-Regierung des vierten Problemlandes: Spaniens Minister-präsident José Luis Zapatero, dessen sozialistische Partei seit den jüngsten Kommunal- und Regionalwahlen schwer angeschlagen ist, gilt allerdings als ablösereif. Ihm wird, ebenso wie der konservativen Volkspartei, vorgeworfen, für die vielschichtige Krise verantwortlich zu sein. Immerhin sind fünf Millionen Spanier derzeit arbeitslos, in der Staatskasse herrscht Ebbe, und die Verschuldung ist aus dem Ruder gelaufen. Der tiefe Frust des Volkes wurde bei Massendemonstrationen artikuliert, wobei es primär um mehr Jobs, höhere Löhne, leistbare Wohnungen und eine Reform des Wahlrechts, aber zugleich gegen die Korruption ging. Zapatero, der gerne nebulos seine „Wirtschaftsreformen“ preist, wurde von Oppositionschef Mariano Rajoy aufgefordert, umgehend zurück zu treten. Er scheint allerdings in dem Glauben zu leben, mit wuchtigen Steuererhöhungen und schmerzhaften sozialen Einschnitten ohnedies das Optimum zu tun, um der Schuldenfalle zu entkommen. Die Spanier können folglich nur noch hoffen, dass sie beim nächsten Wahlgang im Frühjahr 2010 eine halbwegs brauchbare Zentralregierung bekommen.

 

 

 

 

 

Rechtspopulisten am Vormarsch

Harte Zeiten erleben auch die Regierungen jener Staaten, deren Wirtschaftslage nicht annähernd so prekär ist wie die der eben geschilderten: In den Niederlanden musste die Mitte-Rechts-Regierung unter dem erst seit Oktober 2010 amtierenden Premier Mark Rutte eine empfindliche Niederlage bei Provinzwahlen hinnehmen. Das bedeutete, dass die vom Rechtspopulisten Geert Wilders gestützte Koalition aus Liberalen („VVD“) und Christdemokraten („CDA“) im Oberhaus die Mehrheit verlor. Das eher unscheinbare Haager Minderheits-Kabinett, das zuletzt auffiel, als es Ausländern untersagte, in holländischen Haschisch-Kneipen bedient zu werden, konnte sich zwar die Unterstützung durch die ultraorthodoxe „SGP“ sichern. Diese wettert beispielsweise gegen die Emanzipation der Frauen und die Rechte von Homosexuellen, lehnt Abtreibung und Sterbehilfe ab und befürwortet auch noch die Todesstrafe. Für den liberalen Premierminister Rutte scheint der nächste Tiefschlag programmiert zu sein: Wilders droht nämlich, die unstabile Koalition zu stürzen, falls sie sich weiterhin an den EU-Finanzleistungen an Griechenland beteiligt.

In Finnland wurde die liberale „Zentrumspartei“ von Ministerpräsidentin Mari Kiviniemi, die nicht einmal ein Jahr im Amt war, von den Wählerinnen und Wählern im April ebenfalls beinhart abgestraft. Lange die prägende Polit-Gruppierung des Landes, wurde sie nunmehr von der „Nationalen Sammlungspartei“, den Sozialdemokraten und den von Timo Soini angeführten „Wahren Finnen“ auf Platz vier verdrängt. Der deutliche Rechtsrutsch - laut aktueller Gallup-Umfrage verzeichnen die „Wahren Finnen“ den größten Zuspruch aus der Bevölkerung - schafft neue Hürden für die Europäische Union. Die finnischen Rechtsnationalen wollen zwar nicht in die nächste Regierung einziehen, werden aber aber diese gehörig Druck ausüben und etwa den Stabilitätspakt vehement ablehnen. Derzeit ist der Poker um die Macht in vollem Gang: Designierter Regierungschef ist der erst 39jährige Konservative Jyrki Katainen von der Sammlungs-partei, der bislang Finanzminister war. Er peilt, falls er die riesigen Auffassungsunterschiede in Fragen wie Steuerreform, Kernkraft-Zukunft oder Verteidigungspolitik beseitigen kann, eine Regenbogen-Koalition an. Seine obersten Ziele sind die Verhinderung von Armut, die Konsolidierung der öffentlichen Finanzen, ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum sowie die Gewährleistung der Wettbewerbsfähigkeit Finnlands. Katainen wird aber erst beweisen müssen, dass er mehr bewegt als seine attraktive, aber wenig initiative und ziemlich farblose Vorgängerin, die dem skandal-affinen Vorgänger Matti Vanhanen gefolgt war.
 

 

 

 

 

Lars Lokke Rasmussen
Lars Lokke Rasmussen
Bild: Kinamand
Bloß eine Art Schattendasein führt die von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt geleitete Minderheits-Regierung in dem vielfach als nordisches Musterland geltenden Schweden. Sie besteht aus vier bürgerlichen Parteien und ist bereits seit 2006 im Amt, hat allerdings im Vorjahr die Mehrheit im Reichstag verloren. Auch wenn Reinfeldt zu den profiliertesten und routiniertesten Top-Politikern Europas zählt und - obwohl sein Land ohne Euro auskommt - als glühender EU-Repräsentant gilt, waren seine Imagewerte auch schon mal besser. Mit einem durchaus klingenden Nachnamen kann auch Reinfeldts Kollege in Dänemark aufwarten - nicht zuletzt weil auch seine beiden Vorgänger diesen getragen haben: Der 47jährige Lars Lokke Rasmussen, der in den vergangenen zehn Jahren bereits Innen-, Gesundheits- und Finanzminister war, fungiert seit April 2009 als Ministerpräsident. Seine aus der rechtsliberalen „Venstre“ und der konservativen „Volkspartei“ zusammen gesetzte Koalition ist allerdings auf den Goodwill der rechtspopulistischen „Dänischen Volkspartei“ angewiesen, um bei Abstimmungen die Mehrheit zu schaffen. Das soziale Klima im Lande hat sich seit der globalen Krise merklich verschlechtert, wenngleich die Protestaktionen relativ verhalten sind: So etwa werden der Regierung massive Kürzungen bei Arbeitslosen und Studierenden sowie die geplante Erhöhung des Pensionsalters auf 71 Jahre angekreidet. Für Aufregung sorgte Rasmussen freilich, als als sein Land auf Verlangen der Rechtspopulisten die Wiedereinführung von Grenzkontrollen ankündigte. Er legte den EU-Granden in Brüssel damit ein riesiges Ei.

Der Streifzug durch Europa wird in der nächsten EUro-Vision fortgesetzt - am 8. Juni 2011.

 

 

 

 

 


 




Kommentar hinzufügen