Montag 22. Jänner 2018, 20:54

Banken & Finanzen


Die Hedgefonds aus dem Reich der Schattenbanken

Hedgefonds genießen nicht das beste Ansehen. Sie gelten mindestens als Brandbeschleuniger, wenn nicht sogar als Brandstifter. Tatsächlich bewegen Schattenbanken atemberaubende Summen im Billionen-Umfang. Doch Politiker, die diese Fonds einst zuließen, machen es sich zu leicht, alle Verantwortung auf Heuschrecken und andere Sündenböcke abzuschieben.

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Bild: CC-BY-SA 3.0
Die Erkenntnis, wonach ein erst einmal ruinierter Ruf ein ziemlich ungeniertes Leben garantiert, haben die Hedgefonds-Manager ganz offenkundig verinnerlicht. Ihre jüngste Drohung, im Zusammenhang mit einem Schuldenschnitt für Griechenland vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen, zeugt nicht gerade von einem hohen Maß an Empfindsamkeit. Selbst wohlmeinende Beobachter schütteln ihre Köpfe, wenn Hedgefonds-Manager plötzlich von einem „Menschenrecht auf Rendite“ schwadronieren. Mit solchen unsinnigen Argumenten liefern sie all jenen Kritikern willkommene Argumente, die in Hedgefonds die Ursache für alle Übel der Finanzwelt ausgemacht zu haben glauben.

Dass es Politiker waren, die Hedgefonds überhaupt erst möglich machten, wird allenfalls noch am Rande erwähnt. In Deutschland zum Beispiel war es die rot-grüne Bundesregierung unter dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder, die Hedgefonds zum öffentlichen Vertrieb in der Bundesrepublik zugelassen hatte. Es dauerte nur ein gutes Jahr, bis aus den scheinbar smarten Hedgefonds-Managern plötzlich „Heuschrecken“ wurden, die angeblich über Firmen herfallen, diese aussaugen und eine Spur der wirtschaftlichen Verwüstung zurücklassen.

Nüchterne Beobachter fragten sich schon damals, was dies eigentlich mit Hedgefonds zu tun haben soll. Die Kritik zielte – ob berechtigt oder unberechtigt sei dahingestellt – auf Private Equity-Gesellschaften. Seither wird in der öffentlichen Diskussion aber alles in einen Topf geworfen, ordentlich umgerührt und mit einem kräftigen Schuss Polemik und Populismus abgeschmeckt. Das Ergebnis wird uns dann unter dem Begriff „Schattenbanken“ serviert. Geldinstitute, die Finanzdienstleistungen anbieten, ohne Banken zu sein, nannte man früher „Non- and Near-Banks“. Zu dieser Kategorie gehörten zum Beispiel auch Leasinggesellschaften, die dem privaten Kunden sein neues Auto ermöglichen.

Schattenbanken als Entsorgungstellen

Wenn indessen heute von Schattenbanken die Rede ist, geht es nicht mehr um Mittelklassewagen, sondern um billionenschwere Spekulationen, die sich jeder Kontrolle entziehen und angeblich ganze Staaten und deren Währungen in den Abgrund reißen. Und in der Tat nehmen sich die Zahlen, die allerdings auf groben Schätzungen beruhen, besorgniserregend aus. Auf das Konto von Schattenbanken sollen zwischen 25 und 30 Prozent des globalen Finanzsystems gehen. Das Schattenbanken-Volumen dürfte zwischen 2002 und 2010 von 25 Billionen auf 60 Billionen US-Dollar gestiegen sein. Zu erklären ist dieser deutliche Zuwachs nicht zuletzt mit der Tatsache, dass die klassischen Banken gern ihre Kreditrisiken aus den Bilanzen entsorgen, um die gesetzlichen Eigenkapitalbestimmungen zu umgehen.

Auf dem letzten G-20-Treffen vor einigen Wochen in Cannes beschlossen die Staats- und Regierungschefs einmal mehr, auch den Schattenbankensektor stärker zu kontrollieren. Neu sind solche Absichtserklärungen keineswegs, das Thema beschäftigt die G20 schon seit vielen Jahren. Aktuell geht die Furcht um, das Schattenbankensystem könnte die chinesische Boom-Blase platzen lassen – mit unabsehbaren Folgen für die Weltkonjunktur. Richtig ist: Wo immer sich Blasen bilden, sind Schattenbanken nicht fern.

Das Postulat vom „Menschenrecht auf Rendite“

Nach allgemein akzeptierter Lesart gehören auch Hedgefonds ins Reich der Schattenbanken. Da diese weitgehend unreguliert agieren, trifft dies sicher zu. Und daher werden Hedgefonds gern mal als Sündenböcke für die Euro-Krise in die Arena geführt. Mit ungeschickten Äußerungen wie dem jüngsten Postulat vom „Menschenrecht auf Rendite“ werden die Hegdefonds-Manager dieser Sündenbock-Rolle durchaus gerecht.

Aber zumindest ebenso unsinnig ist die Behauptung, die Hedgefonds seien für die Eurokrise verantwortlich. Hier verfahren die Politiker allzu gern nach dem Prinzip „Haltet den Dieb“. Das Schuldendesaster haben sich die Regierungen in Europa schon selbst eingebrockt. Der jahrelange griechische Schlendrian und die Meldung gefälschter Budgetzahlen haben Hedgefonds-Manager erkannt, als Politiker und Medien noch geflissentlich schwiegen. Die europäische Schuldenkrise wurde von den Hedgefonds nicht ausgelöst, sondern allenfalls ausgenutzt. Auch das mögen Kapitalismuskritiker für verwerflich halten, aber in den aufgeregten Debatten über die fast schon diabolisch erscheinenden Hedgefonds sollte man doch zwei Tatsachen nicht aus den Augen verlieren:

Erstens wurden weder die US-amerikanische Subprime-Krise noch die europäische Schuldenkrise von Hedgefonds ausgelöst. Verantwortlich hierfür waren politische Fehlentwicklungen. In den USA war es das politische Ziel, möglichst viele Bürger ohne Rücksicht auf deren Bonität zu Immobilien-Eigentümern zu machen. Nach der Schuldentragfähigkeit zu fragen, galt vor allem in der Ära Clinton als politisch inkorrekt. In Europa wiederum bot das nach Gründung der Währungsunion sehr günstige Zinsniveau für viele Regierungen eine willkommene Gelegenheit, Wohlstand auf Pump zu finanzieren und die eigene politische Zukunft zu sichern. Hedgefonds erkennen solche Ungleichgewichte frühzeitig – und schlagen zu. Man muss sie dafür nicht lieben, aber man kann sie auch nicht für das Versagen der Politik verantwortlich machen.

Hedgefonds ist nicht gleich Hedgefonds

Zweitens: Unter dem Begriff „Hedgefond“ sind völlig verschiedene Produkte zu finden. Insgesamt gilt es, fünf Investmentstrategien zu unterscheiden, die wenig gemein haben. Bei der Managed Futures-Strategie zum Beispiel sind in der Regel keine Fondsmanager aktiv. Hochkomplexe Handelssysteme registrieren kurzfristige Trends – und reagieren darauf mit dem Einsatz von Finanzderivaten, im konkreten Fall also Futures. Die viel kritisierten Leerverkäufe folgen einem anderen Prinzip: Die Hedgefonds verkaufen in Erwartung fallender Kurse oder Preise etwa Wertpapiere oder Edelmetalle, die sie gar nicht besitzen. Fällt der Kurs tatsächlich, werden die jeweiligen Assets dann zu einem günstigeren Preis nachgekauft.

Wäre eine Finanzwelt ohne Hedgefonds stabiler? Zweifel sind erlaubt. Vermutlich würden Fehlentwicklungen nur später bemerkt. Nach der Subprime-Krise in den USA stellte die Internationale Wertpapierkommission fest, dass Hedgefonds nicht Auslöser des Desasters waren.
 




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