Dienstag 21. Feber 2017, 17:46

Interviews


„Die EU-Politiker sind schlechte Verkäufer“

Der Trendforscher Christian Hehenberger von Institut für Marketing und Trendanalysen erläutert, warum die EU unter ihrem Wert geschlagen wird und sagt ein Umdenken in der Atompolitik voraus.

Trendforscher Christian Hehenberger
Trendforscher Christian Hehenberger
Bild: privat
Sie schreiben in Ihrem 2009 erschienenen Buch „Erfolgsstory Österreich“, dass die EU wirtschaftlich die besten Voraussetzungen hat, künftig weltweit den Ton anzugeben. Revidieren bzw. modifizieren Sie jetzt im Zuge der Beinahe-Pleite einiger EU-Länder und den Zweifeln an der Stabilität des Euro ihre Prognose?


Es gibt keine Euro-Krise. Der Euro ist um 40 Prozent mehr wert als der EU-Dollar. Die Kraft einer Währung ist ja im Wesentlichen in den Paritätsvergleichen erkennbar. Wir hätten dann eine Euro-Krise, wenn der Euro in der Parität zum US-Dollar unter die 100 Prozent-Marke fallen würde. Was Griechenland betrifft, hat das Land einen Anteil am Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union von 2,6 Prozent. Wir reden damit nicht einmal über den Skontobetrag innerhalb der EU. Im Vergleich dazu bezahlt der bevölkerungsreichste Staat der USA, Kalifornien, seine Beamten zum Teil mit Schecks, damit sie bei Wal-Mart einkaufen gehen können, weil der Staat pleite ist.

Eine Region, die sich dauernd mit Dingen wie einem Euro-Rettungsschirm beschäftigt, erweckt aber nicht den Eindruck, als könnte sie weltweit den Ton angeben?

Da bin ich bei Ihnen. Die mit Abstand schwächsten und schlechtesten Verkäufer sind derzeit die EU-Politiker. Wie komme ich zu so einer falschen und Verkaufsschwachen Formulierung, einen Rettungsschirm für den Euro zu brauchen, der mit Abstand die stärkste Währung ist und wie ein Fels in der Brandung steht? Die EU-Politiker sind unfähig im Verkaufen.

Sie haben moniert, dass es der Europäischen Union an Mut und Selbstbewusstsein im globalen Wettbewerb mangelt. Liegt dies am fehlenden Leadership der Führungspersönlichkeiten, fehlt in Europa ein Obama?

Bei charismatischen Führern sollten wir uns in Europa besonders zurückhalten, außerdem wissen wir, dass der Lack bei Obama ab ist. Was wir sehr wohl brauchen, sind gemeinsame Strukturen und das Bekenntnis sowie den Mut zu sagen, wir brauchen eine gemeinsame EU- Wirtschaftspolitik, eine gemeinsame EU-Verteidigungspolitik und eine gemeinsame EU-Außenpolitik. Wir haben die Situation, dass Europa mit rund 500 Millionen Menschen laut internationalem Währungsfonds gemessen am Bruttoinlandsprodukt seit 2008 die größte Wirtschaftsmacht der Welt ist und eine gemeinsame Sprache braucht. Diese Strukturen sind überfällig. Die Mehrheit der Europäer würde das verstehen. Dann wären wir besser und schlagkräftiger unterwegs.

Frau Ashton ist offensichtlich nicht das gemeinsame Sprachrohr der EU?

Mit Sicherheit nicht.

Die EU konnte sich auf keine gemeinsame Vorgangsweise gegenüber dem Gaddafi-Regime einigen. Ist das oftmals fehlende geschlossene Vorgehen eines der Hauptprobleme Europas?

Brüssel traut sich zuwenig in EU-Strategien zu denken, weil wir die Strukturen und Instrumente nicht haben. Wir brauchen für Nordafrika und die Türkei, die zur EU beitreten will, eine Antwort. Wir brauchen Zukunftsstrategien. Wenn es gelingt, den nordafrikanischen Gürtel inklusive der Türkei als assoziierte Partner – nicht als Vollmitglied - an die EU anzunähern, dann haben die Italiener, Franzosen, Portugiesen und Spanier nicht das massive Zuwanderungsproblem. Im anderen Fall wird eine massive illegale Zuwanderung geben. Deshalb ist es so wichtig, gemeinsame Strukturen zu schaffen und Kompetenzen an Brüssel zu übertragen.

Wird die Politik auf EU-Ebene den Kampf gegen die Spekulation gewinnen und effiziente Rahmenbedingungen für die Finanzmärkte erlassen?

Es versteht heute niemand, dass jemand eine Milliarde Euro transferieren kann, ohne dass er Mehrwertsteuer zahlen muss. Warum hat die Finanzwirtschaft die Möglichkeit, mehrwertsteuerfrei zu agieren? Wie weit sich die Finanzwirtschaft schon von der Realwirtschaft entfernt hat, zeigt die Tatsache, dass ein Geldvolumen im Umlauf ist, das dem 400-fachen der Realwirtschaft gemessen am Bruttoinlandsprodukt entspricht. Das ist nur möglich, weil Finanzgeschäfte nicht besteuert sind.

Sehen Sie Ansätze dafür, dass sich die Einstellung der Österreicher zur EU nachhaltig verbessert?

Die Österreicher sind sehr kluge Menschen. Sie wissen genau, dass die Finanzmarktkrise mit dem Schilling nicht zu bewältigen gewesen wäre und der Euro unter dem Strich ein Segen war. Ich gehe davon aus, dass bis 2020 das britische Pfund und der Schweizer Franken im Euro Unterschlupf suchen werden. Die Österreicher sehen die EU zu Recht kritisch und stellen sie auf den Prüfstand, weil hier Bürokraten tätig sind. Wenn es Persönlichkeiten von einem Format von Figl, Renner oder Adenauer gibt und die Strukturen in Brüssel es ermöglichen, Europa international als repräsentative Wirtschaftmacht mit verständlichen Zukunftsstrategien vertreten, dann ist die EU ein goldener Erfolg. Derzeit werden die schwächsten Politiker, die es in den jeweiligen Ländern gibt, nach Brüssel abgeschoben. Das kann nicht das Anforderungsprofil für die EU in der Zukunft sein.

Wird es in Europa nach der Atomkatastrophe in Japan ein Umdenken in der Atompolitik geben?

Natürlich. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die künftige deutsche Bundesregierung nicht schwarz-gelb, sondern grün-rot heißen. Das Atom-Moratorium ist ein Flop. Es wird einen Turn-around geben. Der Druck in Deutschland ist derart massiv, dass wir im Jahr 2020 in Deutschland davon ausgehen können, dass kein Atomkraftwerk mehr am Netz sein wird. Diese Art der Stromproduktion ist nicht zu halten. Aufgrund der Wahrscheinlichkeits-rechnung passiert alle 20 Jahre in irgendeinem AKW in einem Land ein Super-Gau. Die Menschen lernen enorm aufgrund eines massiven Leidensdruckes. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromproduktion wird weit über das angepeilte Ziel hinausgehen.



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