Samstag 25. Mai 2013, 07:37

Global


Die Begeisterung der Türken für die EU ist rückläufig

Aktuell, so eine soeben veröffentlichte GfK-Umfrage, befürwortet die Hälfte der türkischen Bevölkerung einen Beitritt ihres Landes zur EU. Als sich im Oktober 2005 die EU entschloss, Verhandlungen mit der Türkei aufzunehmen, waren es fast 75 Prozent. In der Zwischenzeit sind die Türken sichtbar skeptischer geworden.

Flagge EU - Türkei
Flagge EU - Türkei
Bild: Lokum
Insgesamt ist dieser Stimmungswandel einerseits eine Folge der kritischer gewordenen Einstellung vieler EU-Bürger gegenüber der Türkei, andererseits Ausdruck des wachsenden Selbstbewusstseins der Türken. So kann das Land am Bosporus auf ein äußerst starkes Wirtschaftswachstum (rund 6% im vergangenen Jahr) verweisen, zudem wird ihm international eine wichtige Brückenfunktion zwischen der westlichen und der islamischen Welt zugestanden. Die Revolutionen und Umstürze vor allem in der arabischen Welt, von denen man noch nicht weiß, wie sich die neuen Regierungen in das politische Weltgefüge einordnen werden, können natürlich auch Auswirkungen auf die Rolle der Türkei haben. Vielleicht ist die Türkei in Zukunft erst recht als „Transmitter“ gefragt, vielleicht kommt es in der islamischen Welt wirklich zu einem Demokratisierungsprozess, vielleicht treten völlig neue Schlüsselländer auf den Plan. Ungewissheit ist jedenfalls angesagt.

Nur noch 50% der Türken für EU, fast 75% der EU-Bürger gegen türkischen Beitritt

Fast zum gleichen Zeitpunkt, da die türkische Bevölkerung zur Einstellung gegenüber der EU befragt wurde, liefen auch demoskopische Erhebungen innerhalb der EU, die – so etwa in Deutschland und Österreich – mit um die 75 Prozent eine mehr als deutliche Ablehnung eines Türkei-Beitritts erbrachten. Die öffentliche Meinung steht allerdings im Widerspruch zu jener Meinung, die in machen Staatskanzleien vertreten wird. So hat erst jüngst der britische Außenminister für den Beitritt des Landes am Bosporus zur Union plädiert, was sicher nicht unwesentlich von den USA beeinflusst ist, die sich schon seit eh und je dafür stark machen, dass Ankara (ein Eckpfeiler innerhalb der NATO) in Brüssel mitreden und mitentscheiden kann.

Die Skepsis der EU-Bevölkerung gegenüber einem EU-Mitglied Türkei wird dagegen durch einige statistische Daten untermauert.

Derzeit ist Deutschland mit etwas mehr als 81 Millionen Einwohnern der größte Staat innerhalb der EU, gefolgt von Frankreich mit 62 Millionen. Die Türkei hält dagegen augenblicklich bei 78 Millionen Einwohnern. Die türkische Bevölkerung wird – auf Grund ihrer Altersstruktur – noch bis Mitte des 21. Jahrhunderts wachsen, für 2050 wird eine Einwohnerzahl von 95 Millionen prognostiziert. Das heißt, die Türkei wird am Ende dieses Jahrzehnts Deutschland überholt haben und wäre – sollte es zu einem EU-Beitritt kommen – der größte Staat innerhalb der EU. Nimmt man es mit der Geografie genau, dann liegen nur 3 Prozent der Türkei am europäischen, der Rest von 97 Prozent am asiatischen Kontinent. Geht man nach dem Religionsbekenntnis so sind innerhalb der EU etwa 14 Prozent konfessionslos, 75 Prozent bekennen sich zum Christentum (Katholiken, Protestanten, Orthodoxe). In der Türkei werden 99 Prozent dem Islam, nur ein Prozent anderen Religionen zugerechnet.

Der gesellschaftliche Wandel lässt auf sich warten

Moschee
Moschee
Bild: Rainer Sturm / aboutpixel.de
Nicht statistisch erfassbar sind die noch immer bestehenden gesellschaftlichen Unterschiede, die oft unter dem sprichwörtlichen Teppich gekehrt werden. Seit dem Zeitpunkt, da die Türkei als Kandidat für eine EU-Vollmitgliedschaft gilt, wurden zwar viele türkische Gesetze an die europäischen Rechtsnormen angepasst, die Entwicklung innerhalb der türkischen Gesellschaft konnte damit aber nicht Schritt halten. So sehr sich auf der einen Seite vor allem die städtische und auch junge, gebildete Gesellschaft aufgeschlossen zeigt, Hoffnungen auf Veränderungen setzt, bestimmen im ländlichen Raum und zudem in den östlichen Landesteilen, altes traditionelles Rollenverständnis den Alltag. Die Regierungspartei von Ministerpräsident Erdogan hat zwar – was wenige wissen – einen Beobachterstatus bei der Europäischen Volkspartei, Erdogan hat auch zweifelsfrei die internationale Position der Türkei gestärkt, den Einfluss des Militärs auf die Zivilgesellschaft zurückgedrängt und damit der Demokratie einen großen Dienst erwiesen, gleichzeitig aber auch die vom großen Staatsreformer Atatürk verordnete strikte Trennung von Staat und Islam gelockert.

Es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass in der Türkei an vielen Orten noch Sitten herrschen, die weit vom europäischen Selbstverständnis einer humanistisch, liberalen Gesellschaft entfernt sind. Es gibt genügend Beispiele, die dies belegen, aber jene türkischen Zeitungen, die darüber berichten, fallen bei der Regierung in Ungnade: Männer, deren Frauen kein Kopftuch tragen, müssen über all dort mit Nachteilen rechnen, wo die Regierung Einfluss ausübt. Mädchen werden in Ehen mit älteren Männern gezwungen, weil dies die Eltern so vereinbart haben. Bürgermeister zahlen in einigen Städten jungen Frauen sogar Geld dafür, wenn sie sich zum Kopftuch-Tragen entschließen. Katholische und insbesondere orthodoxe Geistliche, ohnedies an den Fingern einer Hand abzuzählen, müssen mit Repressionen rechnen, werden bedroht.

Die Meinungsumfragen widerspiegeln auf beiden Seiten, der europäischen wie der türkischen, jene Skepsis innerhalb der Bevölkerung, die auch in London, Washington und einigen anderen Hauptstädten bei den politischen Strategen angebracht wäre. Die Vorgänge in Tunesien, Ägypten, Libyen & Co., die die westlichen Geheimdienste durch die Bank mehr als nur überraschten, haben jedenfalls schon zu einem Nachdenkprozess geführt.

Aus der Geopolitik lernen - Europa nicht überfordern

Das alte Europa war im Besitz von vielem Wissen, das es, so scheint es, zwischenzeitig verloren hat. Oder das sich spätere Mächte angeeignet hatten, während es selbst darauf vergessen oder verzichtet hat. Eines dieser Wissensgebiete ist die Geopolitik – geheimes Reservat der Staatskanzleien, Diplomatenakademien und Generalstäbe. Geopolitik als Wissenschaft vom Einfluss des geografischen Raumes auf die Politik der Staaten.

Es genügt ein Blick auf die Landkarte, und jeder Geopolitiker wird bestätigen, dass die Türkei niemals eine europäische Macht sein sollte. Die Zukunft der Türkei liegt in Westmittel- und Vorderasien. Sie ist definitiv die am weitesten entwickelteste Führungsmacht im Raum und ethnisch selbstverständlich dem Verbreitungsgebiet der Turkvölker zugeordnet. Dort liegt die Zukunft der Türkei, denn in dieser Richtung findet sie kulturell, ethnisch und religiös verwandte Völker und deren Staaten vor. Die Türkei als Partner Europas – ja, die Türkei als Transmitter – hier ist sie höchst willkommen - die Türkei als Mitglied der Union, nein.

 


 




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