Sonntag 19. Mai 2013, 04:30

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Derivate sind böse!

Die Politikwissenschaftlerin Laura Rudas (SPÖ) ist für die Wiedereinführung einer Börsenumsatzsteuer; Kapitalvermehrung sei keine Leistung. Es sollten jene entlastet werden, die tatsächlich arbeiten. Es seien nicht die Pensionäre für die Krise verantwortlich, sondern Spekulanten. So etwas wie Derivate brauche Österreich nicht. Das Schauspiel erinnert an die deutsche Hyperinflation von 1914 bis 1924, als das Deutsche Reich zuerst den Krieg und dann die Reparationszahlungen mit dem exzessiven Druck von Banknoten zu finanzieren suchte.

Da der Geldschwemme aber keine Güter gegenüberstanden (Kriegszeit), überboten sich die Konsumenten beim Kauf der wenigen realen Güter – die Preise explodierten. Der Spuk sollte den Siegermächten demonstrieren, dass Deutschland nicht in der Lage wäre, seinen Reparationszahlungen nachzukommen. Kommunisten wie Ernst Thälmann verstanden das Naturgesetz von Angebot und Nachfrage nicht. Für sie waren Kapitalisten und Spekulanten wie (der Unternehmer) Hugo Stinnes an der Geldschwemme Schuld. Banken wie die der Rothschilds hätten auf Kosten kleiner Leute profitiert. 

Betriebswirtschaft statt Sündenbock

Ein kurzer Blick ins Lehrbuch „BWL für Banken“ genügt: Derivate sind eine Art Versicherungsprämie gegen fallende oder steigende Kurse, ohne die eine moderne Finanzwirtschaft nicht auskommen kann. Drei Beispiele sollen hier für Klarheit schaffen:
 
Derivate sind böse!
Derivate sind böse!
Bild: MMag. M. Hörl
Eine Lebensversicherung hat von ihren Hundert-tausenden Sparern insgesamt 10 Milliarden Euro eingesammelt und für die in Aktien und Anleihen investiert. Der Konzern rechnet aufgrund von Terrorattacken oder Krieg in den nächsten zwei Jahren mit stark fallenden Kursen. Deshalb kauft er Derivate für 0,2 Milliarden Euro, in diesem Fall PUT-Optionen. Damit wettet man auf fallende Kurse.
 
Tritt der Terrorfall ein bzw. erklärt irgendwer irgendwem den Krieg, dann brechen jetzt die Kurse ein, zum Beispiel um 20 Prozent. Der Wert der Derivate steigt dann um etwa 1.000 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Das verwaltete Ver-mögen ist zwar nur noch 8 Milliarden Euro wert, doch mit dem Gewinn aus dem Verkaufserlös der Optionen (2,2 Milli-arden Wert minus 0,2 Milliarden für den Erwerb) steigt man wieder pari aus.
 
Passiert hingegen nichts und die Börsenkurse steigen sogar um 10 Prozent auf 11 Milliarden Euro an, dann sind die „Optis“ irgendwann sogar ganz ohne Wert. Von der einen Milliarde Euro Kursgewinn muss man die Versicherungsprämie von Euro 0,2 Mrd. abziehen. Bleiben unterm Strich 10,8 Milliarden.
 
Ein guter Fondsmanager hätte die „Optis“ natürlich rechtzeitig um wenigstens die Hälfte verkauft und seinen Anlegern satte 100 Millionen erspart. Wenn das kein Grund für eine Prämie wäre…

Ohne Derivate: Verluste für die Sparer

 Im Rudas-Fall „ohne Absicherungsinstrumente“ hätten die Vermögen der Versicherten im Krisenfall so starke Verluste erlitten, dass viele ihre Versicherungspolicen gekündigt und ihr Geld abgezogen hätten. Ohne Einlagensicherung wäre ein solcher Konzern in wenigen Tagen pleite. Tausende Mit-arbeiter verlören ihre Jobs, Tausende Sparer ihr Vermögen. Die Menschen würden Banken nun misstrauen und die Wirtschaft erlitte einen herben Schock.
 
Beispiel zwei: Der ehemalige Staatskonzern AUA hatte seine Verluste nicht nur wegen des kontinuierlichen Politikereinflusses eingefahren („Die AUA muss österreichisch bleiben“, SPÖ), son-dern weil er sich nicht gegen steigende Ölkurse abgesichert hatte. Das wäre spekulativ gewesen, für einen durchpolitisierten Staatskonzern in Österreich in höchstem Maße unmoralisch. Die Lufthansa hatte klügere Leute an Bord und konnte mit ihren Absicherungsgeschäften die Ölpreisexplosion der Jahre 2007-2008 unbeschadet überstehen. Das Ergebnis ist bekannt: Die (wirtschaftlich) erfolgreiche Spekulanten-Airline konnte den staatlichen Politbetrieb übernehmen.
 
Und drittens: Bei jedem Sparprodukt mit Kapitalgarantie geht ein bestimmter Prozentsatz des angelegten Geldes in den Ankauf von Sicherungsprodukten, meist in Derivate. Nur so kann Ihnen eine seriöse Hausbank garantieren, dass Ihr Geld auch gegen fallende Kurse absichert ist. 

Europa braucht endlich Wirtschaftsbildung

Wer heute ein Gymnasium besucht hat, weiß nichts über das Funktionieren von Wirtschaft. An den meisten Fakultäten wird dies auch später noch nicht nachgereicht. Wer zwar technisch gebildet ist, aber nicht weiß, wie Märkte (also Menschen) ticken, ist anfällig für vereinfachte Sichtweisen und muss das glauben, was andere ihm/ihr sagen.
 

Europa braucht eine liberale Zivilgesellschaft, ähnlich der in anglosächsischen Ländern, in Ostasien oder der Schweiz. Eine solche kann aber nur dann entstehen, wenn Bürger wissen wie das Leben und die Wirtschaft ticken. Wenn in Berlin eine Piratenpartei ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger und den Ausbau staatlicher Betriebe fordert, - und damit eine Landtagswahl gewinnt, dann ist endgültig Feuer am Dach der europäischen Union.


 




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