Dienstag 21. Mai 2013, 10:01

Energie & Ressourcen


Der Stress mit dem Atom - EU ordnet Sicherheitschecks an

„Wir wollen die Risiken und Sicherheitsfragen im Lichte der Erkenntnisse von Japan ergänzend und neu bewerten“, sagte EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Dienstag in Brüssel. Die EU-Staaten wollen so nach der Atomkatastrophe in Japan die Sicherheit aller 143 EU-Atomreaktoren auf Basis gemeinsamer strenger Kriterien überprüfen. Bei diesem „Stresstest“ werde es um die Neubewertung aller Risiken der Anlagen bei Naturkatastrophen wie Erdbeben, Hochwasser oder auch einem Terrorangriff gehen. Atomausstieg und Alternativen stehen im Mittelpunkt der Diskussion.

Günther Oettinger - Kommissar für Energie
Günther Oettinger - Kommissar für Energie
Bild: Europäische Union
Die Lage nach dem Atomunfall in Japan ist laut EU-Energiekommissar Günther Oettinger außer Kontrolle. "Man kann sagen, die Anlage ist außerhalb einer fachmännischen Kontrolle", sagte Oettinger am Mittwoch im Europäischen Parlament in Brüssel mit Blick auf das Kernkraftwerk Fukushima. Maßnahmen wie die, per Hubschrauber Wasser zur Kühlung zu bringen, muteten wie bei einem "Waldbrand" an und nicht als wirksames Vorgehen bei einem Atomunfall.

In Europa hingegen kommt eine altbekannte Panikmache auf. Dazu tragen sicherlich auch unklare und teilweise falsche Informationen bei. So war gestern von einer Belastung von 1 Sievert die Rede, also 1000 Millisievert. Ab einer Belastung von 2000 Millisievert ist man im tödlichen Bereich, zehn Prozent der Menschen sterben bei dieser Strahlendosis. Wenige Stunden später wurde der tatsächlich gemessene Wert auf 1 Millisievert revidiert. Natürlich kann man energiepolitisch nach so einem Ausnahmeunglück nicht zur Tagesordnung übergehen. Also gibt es Sicherheitschecks für die 143 Atomkraftwerke in der EU – sogenannte Stresstests.

Nun hören wir von den angekündigten Stresstests für die AKWs und fragen uns gleichzeitig, ob Atomkraftwerke nicht laufend einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden. Noch liegen keine Detailinformationen vor, was diese Tests beinhalten. „Gerade in Deutschland werden die AKWs regelmäßig heruntergefahren und Teile überprüft“, versicherte Markus Falletmaier vom Atominstitut in Wien, „Der TÜV beaufsichtigt diese Sicherheitstests sehr streng. Natürlich hört sich ein Stresstest einmal gut an, bei den Banken hat es ja auch schon funktioniert“.

Auch in Deutschland stehen ältere Meiler, gerne als Schrottmeiler bezeichnet, teilweise in Erdbebenzonen, sieben werden nun für eine Überprüfung drei Monate lang vom Netz genommen, um die Sicherheitslage während des Moratoriums neu zu bewerten. Das zieht steigende Energiepreise und Verluste für die Staatskasse durch die Einbußen an Brennelemente Steuer in Höhe von 200 Millionen Euro nach sich. Laut Angaben der Betreiber könnten durch die Abschaltung der alten Meiler Schadensersatzansprüche in Milliardenhöhe entstehen. Im Atominstitut der TU Wien hält man dies für eine überzogene Reaktion und meint, die deutschen Kernkraftwerke gehören zu den besten der Welt, werden bestens gewartet und haben extrem hohe Sicherheitsauflagen. Genaue Daten für die Auslegung der Erdbebensicherheit gäbe es nicht, doch einem Beben von 6,0 bis 7,5 auf der Richterskala würden diese standhalten. Ein starkes Erdbeben (ca. 5,5 bis 6,0 auf der Richterskala) tritt in Deutschland durchschnittlich etwa alle 200 Jahre auf. Dieses Szenario sei unrealistisch.

Umdenken in Europa – Realität und Illusion

In der Schweiz wurden Pläne zum Bau neuer Atomkraftwerke zunächst auf Eis gelegt. In Estland und Finnland führt man eine innenpolitische Debatte über den Atomausstieg. Frankreich, Tschechien und Bulgarien halten weiterhin an der Kernenergie fest und betonen die Sicherheit der Atomkraftwerke. Spanien warnte vor übereilten Reaktionen der EU. "Wir sollten uns bei den Entscheidungen über die Nutzung der Kernenergie nicht von besonderen Vorkommnissen leiten lassen", sagte die spanische Wirtschafts- und Finanzministerin Elena Salgado und spielte damit auf Japan an.

Die Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 startete eine Initiative zum weltweiten aus für Kernenergie mit dem Ziel einer europäischen Volksabstimmung über den europäischen Atomausstieg. Reinhard Uhrig, Anti-Atom-Sprecher von GLOBAL 2000, skizziert das Vorhaben in fünf Punkten:

  1. Sofortige Abschaltung aller Hochrisiko-Reaktoren in Europa!
  2. Stopp für Laufzeitverlängerung und Neubaupläne von AKW!
  3. Abschaltplan für alle anderen europäischen AKW bis 2020!
  4. Stopp der Milliarden-Subventionen an die Atomindustrie!
  5. Ökostrom statt Atomstrom - nachhaltige Investitionen in erneuerbare Energien und Effizienz!

Auf den ersten Blick scheint ein Ausstieg aus der Kernenergiegewinnung illusorisch – Schweden, Finnland, Italien und die Türkei bauen aus, auch Indien und China, wo in den smogverseuchten Metropolen Emissionsfreiheit im Vordergrund steht, haben riesige Pläne. In China gibt es die großen Kohlevorkommen im Nordwesten des Landes, die meisten Menschen leben im Südosten. Einerseits reist die Kohle durch ganz China, andererseits sterben in China täglich bis zu 70 Menschen im Bergbau, vergangenes Jahr waren mehr als 10.000 tote Kumpels.

Doch heute lasst auch Peking Vorsicht walten und legte alle Atomprojekte auf Eis. Nach den Ereignissen in Japan müssten zunächst die Sicherheitsbestimmungen überarbeitet werden und auf allen Reaktorbaustellen werde die Sicherheit überprüft, erklärte die chinesische Regierung.

Mit einem Atomstromanteil von fast 80% ist es für Frankreich in näherer Zukunft sicher unmöglich auf alternative Energien umzustellen. Es gibt nicht genug Wasser. Als Alternative zur Kernenergie bei der Grundlast bliebe die Kohle, wobei sich Frankreich für einen niedrigen Co² Ausstoß entschieden hat.

Japan baut seine Energieversorgung zu 30% auf Atomstrom auf. Selbst wenn der Wille zu einem Umdenken gegeben wäre, ist es vor allem momentan nur sehr schwer abzuschätzen, ob ein Land dieser Größenordnung sich und die Einwohner seiner Millionenmetropolen durch andere Energieformen – in absehbarer Zeit - überhaupt versorgen könnte. Man weiß nicht, wie weit Kohle- und Wasserkraftwerke angeknackst wurden. Man weiß nicht wie viele Industriebetriebe zerstört wurden. „30% ist ein fixer Anteil, von dem man schwer wegkommt“, vermutet Falletmaier, „zudem werden bereits neue Kraftwerke gebaut“.

Österreich unterstützt Kurswechsel

 

AKW Zwentendorf
AKW Zwentendorf
Bild: Cava from de.wikipedia.org
Österreich importiert Strom und darunter soll sich auch etwa 6% Atomstrom befinden, wobei die Nachvollziehbarkeit vage erscheint, hat doch ein Elektron aus dem Europäischen Stromnetz kein Mascherl umgehängt und sagt, hallo, ich komme aus einem Atomkraftwerk. Ob und in welchem Maße diese Stromimporte notwendig sind, steht auf einem anderen Blatt und wird unbeantwortet bleiben, bis sich der politische Wille zum Bau neuer Kraftwerke dreht.

Die WKÖ forderte heute eine Kurskorrektur in der gemeinschaftlichen Klimapolitik und begrüßte die Bestrebungen der Europäischen Kommission, auf Unionsebene eine wirksame Energieeffizienzpolitik zu formen. „Das Jahr 2011 muss in der EU-Energiepolitik das Jahr der Energieeffizienz werden. Die ambitionierten Zielsetzungen wirken nicht self-executing. Jetzt sind die konkreten Maßnahmenpläne auszurollen, die der Union einen Sprung nach vorne bei der Senkung des Energieverbrauchs ermöglichen. Nur in Verbindung mit einer Energie-Effizienzpolitik wird auch der zweite Pfeiler, die Erschließung erneuerbarer Energiequellen, bei der Sicherung der Energieversorgung zum Tragen kommen“, betonte Stephan Schwarzer, Leiter der WKÖ-Abteilung für Umwelt- und Energiepolitik, heute bei einem Pressegespräch in Brüssel.

Die aktuellen Ereignisse würden auch Auswirkungen auf die Versorgungsentwicklung haben, erläuterte heute Wirtschaftsminister Mitterlehner und meinte, fossile Energieträger würden nun vermehrt nachgefragt, was auch die Preise beeinflussen werde. Österreich liege jedenfalls mit seiner Schwerpunktsetzung - Förderung von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien - richtig. In der strikten Anti-Atom-Politik war man sich in der Diskussion im EU-Unterausschuss des Parlaments einig, wenngleich auch mit unterschiedlicher Nuancierung. Während die Abgeordneten der Regierungsparteien die bisherige klare Linie der Regierung auch in den EU-Gremien hervorhoben, bemängelte die Opposition eine aus ihrer Sicht zu weiche Haltung der heimischen Vertreter in den einzelnen EU-Institutionen. Mit den Stimmen von SPÖ und ÖVP wurde ein Antrag angenommen, in dem darauf hingewiesen wird, dass Kernspaltung keine nachhaltige Form der Energiegewinnung ist. Die Kommission wird aufgefordert, die ihr zur Verfügung stehenden Maßnahmen zu ergreifen, um einen europa- und weltweiten Verzicht auf die Nutzung der Kernspaltung zur Energiegewinnung zu fördern. Man will das EURATOM-Forschungsprogramm 2014-2018 ausschließlich auf die Forschung zu nuklearer Sicherheit, auf Risikoforschung und Strahlenschutz ausrichten. Die Mittel des derzeitigen EURATOM-Forschungsprogramms sollen in diesem Sinne verwendet werden, das europäische Frühwarnsystem ECURIE sei weiter auszubauen und die europaweite Koordination im Bereich der im nuklearen Ernstfall zu treffenden Maßnahmen generell zu verstärken. Europaweit soll verstärkt auf Energieeffizienz und den Einsatz erneuerbarer Energie gesetzt werden.

 

Kernfusion als Zukunftsoption

 

Tokamak Fusion Test Reactor
Tokamak Fusion Test Reactor
Bild: Princeton Plasma Physics Laboratory
Förderungen in Höhe von 255 Millionen Euro gehen 2011 an Litauen, Bulgarien und die Slowakei für die Stilllegung alter AKWs des Typs Tschernobyl. Das EURATOM-Budget für 2011 beträgt 900 Millionen Euro. Diese Finanzierung bedeutet allerdings keinen Ausstieg oder Umstieg. In Litauen etwa wird einerseits rückgebaut, doch es werden wahrscheinlich neue Kraftwerke kommen.

EURATOM fördert in erster Linie die Sicherheit. Und ein ehrgeiziges Pilotprojekt zur Entwicklung der Kernfusion in Südfrankreich, das jedoch an Geldmangel leidet. Wenn hier nicht aufgerüstet wird, sind Ergebnisse frühestens in 50 Jahren zu erwarten.

Im Gegensatz zur Kernspaltung tritt bei der Kernfusion keine Radioaktivität auf: Das Endprodukt Helium ist nicht radioaktiv. Dagegen bilden sich in den Wandmaterialien wegen des starken Neutronenbeschusses radioaktive Stoffe. Durch geeignete Wahl der Materialien lässt sich die Halbwertszeit dieser Stoffe auf 100 Jahre begrenzen, sodass diese zwischengelagert und wieder verwendet werden können. Ein weiterer Unterschied zur Kernspaltung: Bei der Kernfusion sind keine Kettenreaktionen möglich. Eine Störung im Reaktor führt im schlimmsten Fall zum Erlöschen der Fusion.

Mit dem Bau und der Inbetriebnahme des internationalen Experimentes ITER in Cadarache, Südfrankreich, soll ab 2016 erstmals ein brennendes Fusionsplasma eine Leistung von mindestens 500 Millionen Watt liefern. Darauf aufbauend – vorausgesetzt, das Forschungsprojekt kann erfolgreich abgeschlossen werden – soll ein erstes Fusionskraftwerk (als Pilotkraftwerk) im Jahre 2035 Strom in das Netz liefern.

Mit dem neuen Forschungsprojekt ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor) der EU in Kooperation mit Japan, Russland, China, Südkorea und USA soll die Möglichkeit einer technischen Realisierung in den nächsten 10 bis 15 Jahren beantwortet werden. Kosten und Laufzeit des ITER-Projektes: 10 Milliarden Euro, 2007 bis 2015.

 

Erneuerbare Energien und intelligente Ressourcennutzung

Das Potential an erneuerbaren Energien ist in Europa größer als die Nachfrage. Eine komplette Stromversorgung aus erneuerbaren Energien soll bis 2050 technisch und wirtschaftlich machbar sein. Dabei können transeuropäische Netze zusätzliche Kostenvorteile schaffen. Insbesondere die Kosten für Speicherenergie können durch Verbundlösungen gesenkt werden.

Basis ist die intelligente Nutzung von Ressourcen. Aus Sicht der EU-Kommission können wir uns einen Ressourcenverbrauch im bisherigen Umfang nicht mehr leisten. Unter Ressourcen werden in diesem Zusammenhang nicht nur Brennstoffe, Minieralien und Metalle, sondern auch Nahrungsmittel, Boden, Wasser, Luft, Biomasse und Ökosysteme verstanden. Würden bis 2050 alle Menschen auf dem Konsumniveau der Bewohner der Industriestaaten leben, bräuchten wir drei weitere Planeten. Zu diesem Schluss kommt der World Wildlife Fund in seinem Bericht. Die EU drängt auf einen sparsameren Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen. Das ist Kern der Strategie Europa 2020, die auf ein nachhaltiges Wachstum ausgelegt ist.

Zu den erneuerbaren Energien zählen insbesondere Wasserkraft, Windenergie, Sonnenenergie, Erdwärme und die durch Gezeiten erzeugte Energie. Es sind dies Energien aus Quellen, die sich entweder kurzfristig von selbst erneuern oder deren Nutzung nicht zur Erschöpfung der Quelle beiträgt. Eine weitere Quelle regenerativer Energien ist das energetische Potenzial, also Biogas, Bioethanol, Holz etc., das aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wird.

Laut Energieexperten Peter Schleicher wären die Investitionen im Bereich Atomenergie besser eingesetzt, würden sie für Energieeffizienz und erneuerbare Energie verwendet. In einer Übergangszeit bis zum Jahr 2050 sei es möglich, den Energieverbrauch durch Effizienzsteigerung zu halbieren. Dann wäre Atomenergie gar nicht mehr notwendig.

Intelligente Nutzung, die Förderung von Passivhäusern, die Nutzung von Windkraft, Fotovoltaik und biogene Energieträger haben Potenzial – auch mit dem halben Energieverbrauch könne man laut Schleicher den Wohlstand ohne Einbußen weiterpflegen.

Dazu muss man sich allerdings auch die Frage stellen, ob es intelligent ist, sich in Belgien der Luxus beleuchteter Überlandstraßen zu leisten, wie in Island, wo hingegen die Versorgung durch Geothermie gewährleistet ist.


 




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