Mittwoch 26. Juli 2017, 18:50

Umwelt & Agrar

Der Kampf gegen den Plastikmüll hat begonnen

Vor gut einem Jahr sorgte ein Artikel im Fachmagazin „Science“ für großes Aufsehen: Laut Untersuchungen von Forschern aus Australien und den USA gelangen Jahr für Jahr durchschnittlich acht Millionen Tonnen Plastikmüll ins Meer – mit verheerenden Auswirkungen für Mensch und Tier. Seither wird intensiv an effizienten  Gegenstrategien gearbeitet.

Dirk Lindenau von Lindenau Maritime Engineering & Projecting
Dirk Lindenau von Lindenau Maritime Engineering & Projecting
Bild: lindenau-dirk.com

Im Jänner 2016 folgte dann der nächste Schock: Laut der beim Weltwirtschaftsforum im Schweizerischen Davos präsentierten Studie der Ellen-MacArthur-Stiftung wird bis zum Jahr 2050 mehr Plastikmüll in den Weltmeeren schwimmen als Fische - wenn alles so weitergeht wie bisher.

Plastikrückstände befinden sind in allen Meeren, vom Nordpol bis zum Südpol, in Küstennähe und auf dem offenen Meer. Große Mengen sammeln sich als gigantische Müllstrudel in Strömungswirbeln der Ozeane, Reste gibt es auch auf dem Meeresboden und in den Sedimenten. Wie viel Plastik sich genau in den Weltmeeren befindet, ist bisher nicht bekannt. Unzureichend beantwortet ist auch die Frage nach der Herkunft. Experten zufolge wird ein Großteil des Plastikmülls von Land eingetragen, über Flüsse – allein in Österreich landen laut dem Umweltbundesamt jährlich 40 Tonnen in der Donau - oder mit dem Wind.

Wie das Forscherteam um Jenna Jambeck von der University of Georgia im US-amerikanischen Athens herausgefunden haben, sind die 20 Länder mit der höchsten Verschmutzungsquote für 83 Prozent aller unsachgemäß behandelten Plastikabfälle im Jahr 2010 verantwortlich. Diese Liste wird angeführt von China, Indonesien und den Philippinen, die USA nehmen den 20. Platz ein. Würde man alle Küstenländer der Europäischen Union zusammenfassten, belegten diese Rang 18.
Das Problem ist, dass Plastik extrem beständig ist und über Jahrzehnt ein der Umwelt verbleiben kann. Im Laufe der Zeit werden größere Plastikteile stark zerkleinert und sinken dann von der Oberfläche in die Tiefe der Meere ab. Laut der Umweltschutzorganisation WWF finden sich diese dann in vielen marinen Organismen wie Muscheln, Fischen oder auch Fischlarven. Zudem würden winzige Kunststoffpartikel, die unter anderem Krebs erregend sein können, in die Nahrungskette gelangen. Laut einer Studie der australischen Commonwealth Scientific and Industrial Research Organization zufolge haben die meisten Seevögel bereits Plastikmüll gefressen. In den frühen 1960er Jahren seien hingegen noch weniger als fünf Prozent der Seevögel betroffen gewesen.

Brüssel setzt auf Müllvermeidung

Alle Forscher sind die einig, dass man nur mit einer wirksamen Müllvermeidungsstrategie dem Problem Herr werden kann. So will die EU den Pro-Kopf-Verbrauch an Einwegsackerl aus Plastik deutlich senken. Im November 2015 einigten sich die EU-Staaten und das Parlament auf einen Kompromiss, der vorsieht, dass jeder EU-Bürger bis 2019 nur 90 Beutel im Jahr und bis 2025 sogar nur noch 45 Plastiktüten pro Jahr verbraucht. Nicht betroffen von der geplanten Regelung wären stabile Plastiktaschen und hauchdünne Beutel, wie sie an der Gemüsetheke üblich sind.

Der jährliche Verbrauch an Tragetaschen aus Plastik wird laut EU-Kommission mit 100 Milliarden Stück beziffert, wobei 89 Prozent nur einmal verwendet werden. Österreich steht in der Statistik übrigens gut da: Hierzulande lag der Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr 2010 bis 51 Stück – der drittniedrigste Wert unter allen EU-Staaten. Grund dafür sind unter anderem Handelsketten wie die dm, die im Vorjahr kleine Plastiksackerl, die bisher kostenlos an der Kasse zum Abreißen zur Verfügung standen, aus ihren Filialen verbannte.  Als Alternative bietet das Unternehmen seinen Kunden Pfandsackerl aus Baumwolle um 75 Cent je Stück an. „Wir möchten ein klares Statement für den Umweltschutz setzen“, sagte dm-Geschäftsführer Harald Bauer im August 2015.  Kunden hätten nach dem Test positiv auf den kompletten Verzicht reagiert.

Deutsche Werft baut „schwimmenden Müllsammler“

Mit innovativen Ideen beschäftigt man sich im Norden Deutschlands. So baut eine Werft in Lübeck im Auftrag des Vereins „One Earth – One Ocean“ den Katamaran „Seekuh“. Ab dem diesjährigen Sommer soll das aus zwei Rümpfen bestehende Boot als „Müllabfuhr der Meere“ im Einsatz sein, so Vereinsvorsitzender Günther Bonin.

 Das Abfall-Recycling-Schiff auf Rundfahrt in den Kap Verden. © Lindenau Maritime Engineering & Projecting

Der Umweltaktivist hat das Schiff gemeinsam mit dem Kieler Ingenieur Dirk Lindenau und der Werft „Lübeck Yacht Trave Schiff GmbH“ entwickelt. „Zwischen den jeweils zwölf Meter langen Rümpfen wird eine bewegliche Netzkonstruktion angebracht. Damit fischen wir an der Wasseroberfläche treibende Kunststoffteile ab, während sich der Katamaran mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei Konten bzw. knapp vier Kilometern pro Stunden übers Wasser bewegt“, erläuterte Bonin kürzlich im Gespräch mit dem Sender „ntv“.

Angetrieben werden soll der Katamaran mit Solarenergie. Eine große Herausforderung ist für die Schiffsbauer die Vorgabe, dass das Boot zerlegbar sein muss, um so auf einfache Art und Weise an jeden Ort gebracht werden zu können. Pro Fahrt kann die „Seekuh“ rund zwei Tonnen Müll sammeln, die anschließend an Land wiederverwertet werden sollen. „Der Katamaran ist hauptsächlich für den Einsatz in Küstennähe und auf Binnengewässern gedacht, denn die Netze reichen nur drei bis vier Meter tief“, betont Lindenau.

Bonin rechnet mit Kosten von 250.000 Euro. Sollte sich der Prototyp bewähren, will sein Verein zur Freude von Werft-Geschäftsführer Till Schulze-Hagenest weitere „Seekühe“ in Auftrag geben. Ausdrücklich begrüßt wird diese Idee vom Naturschutzbund Deutschland, der seit Jahren die Müllsammelaktion „Fishing for Litter“, bei der Fischer den in ihren Netzen landenden Plastikmüll kostenlos in Häfen entsorgen können.

Auch für Stephan Lutter, Meeresschutzexperte des WWF, ist das Projekt eines Müllsammelschiffes einen Versuch wert. Gleichzeitig müsse man jedoch dafür sorgen, dass der Müll erst gar nicht ins Meer gelangt. „Es braucht unter anderem Geld und Wissenstransfer für den Aufbau eines funktionierenden Kreislaufwirtschaftssystems in Südostasien", so Lutter. „Seekuh“-Erfinder Bonin plant unterdessen schon ein neues Projekt. Ein „See-Elefant“ soll Plastikmüll einsammeln und diesen in Energie umwandeln, sich also praktisch mit dem Müll selbst antreiben.

Das Abfall Recyclingschiff Konzept auf den Kap Verden. ©  Lindenau Maritime Engineering & Projecting

Ein Projekt, das sich auf umweltfreundliche Technologien spezialisierte Investoren keinesfalls entgehen lassen sollten. Denn Bedarf nach derartigen Müllsammelschiffen gibt es angesichts der ins Meer gelangenden gigantischen Menge an Plastikmüll eigentlich ausreichend. So könnte etwa eine Seekuh in Rio de Janeiro, wo im Sommer die Olympischen Spiele über die Bühne gehen werden, den unter Abfall in der Bucht treibenden Wassersportlern das Training wesentlich erleichtern.

 




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