Mittwoch 22. Mai 2013, 19:12

Binnenmarkt & Wettbewerb


Den US-Konkurrenten eine Nasenlänge voraus

Innovativ, sicher und schnell in der Umsetzung: Die europäischen Anbieter von Medizintechnik genießen weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Viele von ihnen verzeichnen trotz eines eingetrübten konjunkturellen Umfelds signifikant steigende Umsätze und Erträge. Anleger können an der Börse von dieser europäischen Stärke profitieren.

Europas Medizintechnik ist verhältnismäßigklein aber Top
Europas Medizintechnik ist verhältnismäßigklein aber Top
Bild: SGS Germany GmbH.
Was ein „Stent“ ist, dürfte auch vielen medizinischen Laien geläufig sein. Es handelt sich um eine Gefäßstütze, die in Hohlorgane eingesetzt wird, um deren Verschluss zu verhindern. Am bekanntesten ist die Implantation von „Stents“ in die Herzkranzgefäße als Infarkt-Prophylaxe. Aber auch bei Krebspatienten werden diese Stützen eingesetzt, um den Zugang zu wichtigen Organen freizuhalten. Aber was verbirgt sich hinter dem Begriff „Drug Eluting Stents“? Einfach ausgedrückt, ist dies ein „intelligenter Stent“. Er wird mit bestimmten Arzneistoffen beschichtet, die er später in kleinen Dosen abgibt. Auf diese Weise können etwa Zystostatika punktuell eingesetzt werden.

Drug Eluting Stents sind ein einfach nachvollziehbares Beispiel für die Kombination von Medizintechnik und Pharmakologie, die immer mehr an Bedeutung gewinnt. Mediziner und Ingenieure sehen darin – zusammen mit neuen bildgebenden Verfahren und speziellen Analytik-Systemen - die Möglichkeit für ganz neue, revolutionäre Therapien, bei denen der individuelle Organismus eines Patienten deutlich stärker berücksichtigt werden kann als bisher. Dadurch dürfte es künftig sogar möglich sein, sehr konkrete Aussagen über den weiteren Krankheitsverlauf eines Patienten zu machen.

Medizintechnik – ein internationaler Milliardenmarkt

Die Medizintechnik, die korrekterweise biomedizinische Technik heißt und den Schnittpunkt von Ingenieurwissenschaften und Medizin markiert, bildet einen milliardenschweren Markt. Der weltweite Umsatz mit Medizintechnik dürfte im vergangenen Jahr bei deutlich über 260 Milliarden US-Dollar gelegen haben. Etwa ein Drittel davon entfiel auf Europa – bei steigender Tendenz. Kein Wunder, denn Medizintechnik „Made in Europe“ genießt weltweit einen exzellenten Ruf. Vor allem aber weisen die Europäer, denen ansonsten gern mal Trägheit und Bürokratie vorgeworfen wird, einen entscheidenden Vorteil auf: Dank schneller Zulassungsverfahren kommen medizintechnische Innovationen in Europa schneller den Patienten zugute als in den USA.

Das führte in den vergangenen Jahren immer wieder zu dem Vorwurf, neue medizintechnische Produkte in Europa würden zu schnell zugelassen, kämen sozusagen mit „Kinderkrankheiten“ auf den Markt. Tatsächlich nimmt sich die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA zwar mehr Zeit. Im Schnitt bleibt sie zwei Jahre hinter dem europäischen Zulassungsverfahren zurück. Aber sind die amerikanischen Kontrollen und Tests dadurch auch genauer und somit sicherer? Nein, sagten jetzt die Experten der Boston Consulting Group (BCG) in einer unlängst veröffentlichten Studie. Um die von den unterschiedlichen Zulassungsverfahren ausgehenden potentiellen Risiken für die Patienten einschätzen zu können, nahmen die BCG-Experten die Rückrufaktionen für diese Produkte unter die Lupe. Das Ergebnis: Es gibt keine Unterschiede. Die europäische Medizintechnik sei schneller, aber genauso sicher, resümierten die Spezialisten der Boston Consulting Group.

Die Top-Adressen Europas

In Europa sind Unternehmen in Deutschland, der Schweiz, Großbritannien und in den Niederlanden führend auf dem Gebiet der Medizintechnik. Zu den größten Anbietern gehören unter anderem Roche (Schweiz), Fresenius Medical Care, Siemens, B. Braun und Dräger (alle Deutschland), Philips (Niederlande) sowie Smith & Nephew (Großbritannien). Zu den stärksten US-Konkurrenten gehören Abbot, Johnson & Johnson sowie General Electric.

Allein in der Bundesrepublik Deutschland gibt es über 1.100 Hersteller von Medizintechnik. Sie beschäftigen 113.000 Mitarbeiter und erzielen einen Jahresumsatz von insgesamt rund 22 Milliarden Euro. Völlig unbeeindruckt von Euro- und Schuldenkrise meldeten viele dieser Anbieter in den vergangenen Wochen deutlich gestiegene Gewinne. Carl Zeiss Meditec – auf Technik zur Operation von Augenerkrankungen spezialisiert – steigerte im letzten Quartal 2011 seine Erlöse gegenüber dem Vergleichsquartal des Vorjahres um 14 Prozent auf über 210 Millionen Euro. Auch der Messtechnik-Spezialist Analytik Jena verzeichnete im ersten Quartal des am 1. Oktober 2011 begonnenen neuen Geschäftsjahres trotz rückläufigen Umsatzes einen höheren Gewinn. Der Dialyse-Spezialist Fresenius Medical Care (FMC)  meldete dieser Tage für 2011 neue Rekordzahlen bei Umsatz und Ertrag.

Ausgesprochen gesund stellt sich folglich die Kursentwicklung der betreffenden Aktien dar. Das FMC-Papier weist eine Drei-Jahres-Performance von 55 Prozent auf, allein in den vergangenen drei Monaten verteuerte sich die Aktie um über 10 Prozent. Noch besser schnitt in den zurückliegenden drei Monaten der breiter aufgestellte Schweizer Roche-Konzern ab, während der Aktienkurs von Smith & Nephew verhalten zulegte (Drei-Jahres-Performance: rund 24 Prozent).

Auch in konjunkturell schwierigeren Zeiten bleibt die europäische Medizintechnik eine zwar noch vergleichsweise kleine, aber sehr innovative und stabile Branche. Die führenden Hersteller blicken denn auch zuversichtlich auf das laufende Jahr.

 


 




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