Das künftige Dilemma der bzw. mit EU-Pensionisten
László Andor, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration, steht im „Europäischen Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen“, das heuer begangen wird, naturgemäß unter Dauerstress. Der aus Ungarn stammende frühere Universitätsprofessor reist unermüdlich durch die Lande, um wie ein Wanderprediger überall seine Kernbotschaft zu verkünden: Die EU-Bürger müssen, weil ihre Lebenserwartung stetig ansteigt, künftig länger arbeiten.

Bild: EC
Andor will den Mitgliedsländern gottlob nicht vorschreiben, ab wann sie ihre Bürger in den Ruhestand schicken sollen. Der EU-Kommissar möchte vielmehr einen Ausweg aus einem Dilemma aufzeigen, das den EU-Staaten unweigerlich blühen wird. Die derzeitigen Pensionssysteme müssen nämlich neinahe automatisch zusammenbrechen, wenn einerseits immer mehr Menschen zwanzig, dreissig oder in Zukunft gar vierzig Jahre Rente beziehen und anderseits die Zahl der Erwerbstätigen - und damit die Beitragsleistungen - ständig sinkt. Die konkreten Zahlen sind in allen Ländern alarmierend: In Österreich beispielsweise werden in drei Jahren bereits mehr Bürgerinnen und Bürger in Pension gehen als Junge in den Arbeitsmarkt eintreten. Im Jahr 2030 wird jeder dritte Österreicher schon älter als 60 sein. Die heute 47Jährigen und alle Jahrgänge danach müssen jedenfalls darauf gefasst sein, dass die Diskrepanz zwischen ihrem letzten Aktiveinkommen und der ersten Pensionszahlung weitaus größer ist als bei den jetzigen Rentenbeziehern.
Dass sich Brüssel diesem zentralen gesellschaftspolitischen Problem der Zukunft widmet, ist jedenfalls sehr lobenswert - umso mehr, als nationale Regierungen diesbezüglich am liebsten den Kopf in den Sand stecken und wenig bis nichts tun. Mit seiner Forderung, das gesetzliche Pensionsantrittsalter generell hinauf zu setzen, scheint EU-Kommissar Andor allerdings nicht den Punkt zu treffen. Sie mag zwar überall dort berechtigt sein, wo Männer schon mit 60 oder 62 pensionsberechtigt sind, etwa in Frankreich, wo man ohnedies schon umzudenken scheint, Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Und zweifellos lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob Frauen idealer Weise schon mit 60 oder gar vorher aus dem Arbeitsprozess ausscheiden sollen, was in elf Mitgliedsstaaten vorgesehen ist, etwa in Polen, Griechenland und Italien, wo sich ebenfalls eine Reform anbahnt, aber auch in Österreich.
Ideal-Norm aus pragmatischer Sicht
Die derzeit geltende Einheitslösung von 65 Jahren für Männer und Frauen ist ebenfalls in elf Ländern festgeschrieben und scheint aus pragmatischer Sicht so etwas wie die Ideal-Norm zu sein, die man nicht in Frage zu stellen braucht. Auch wenn - oder gerade weil - dabei zu bedenken ist, dass die aktuelle Erwerbsquote der 55- bis 64Jährigen ein deutliches Alarmzeichen darstellt: In Österreich etwa liegt sie bei knapp über 40 Prozent - anders formuliert: Nur vier von zehn Menschen in dieser Altersgruppe haben noch einen Job, die übrigen sind am Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt. Obzwar manche Länder besser dran sind, haben wir es mit einem europaweiten Phänomen zu tun: Heutzutage sind sogar schon 50Jährige für viele Personalchefs zu alt bzw. zu teuer, sodass sie als typische Auslaufmodelle keine Chance auf Arbeit mehr haben und folglich ausgemustert werden. Das bedeutet demnach: Würde das gesetzliche Pensionsantrittsalter noch hinaufgesetzt werden - etwa auf 67 Jahre, wie es die Deutschen vorhaben - , wäre angesichts der angespannten Lage am europäischen Arbeitsmarkt ein wachsendes Heer an Joblosen die logische Konsequenz.
Kommissar Andor hat offenbar auch einen zweiten wichtigen Aspekt übersehen, der seinen Vorschlag zur Utopie stempelt: Tatsächlich liegt das effektive Pensionsantrittsalter EU-weit weit unter dem gesetzlichen. Das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben kann bei vielen Betroffenen gesundheitliche Gründe haben, aber auch auf diversen Privilegien beruhen, wie sie etwa Österreichs ÖBB-Bedienstete seit jeher genießen. Obendrein werden ältere Mitarbeiter häufig aus Kostengründen „entsorgt“ und durch jüngere und billigere Kollegen ersetzt; andere wiederum verlieren einfach die Lust an der täglichen Fron und lassen sich freiwillig ins Renten-Ausgedinge abschieben. Faktum ist, dass sich etwa die Rumänen durchschnittlich mit 55,5 Jahren in die Rente verabschieden, die Franzosen, Polen, Slowaken und Slowenen ihren Job bereits vor dem 60. Geburtstag aufgeben (müssen) und die Österreicher, die im EU-Mittelfeld rangieren, im Schnitt lediglich bis 61 berufich aktiv sind. Für die positiven Gegenbeispiele sorgen indes die Briten, die Holländer, die Schweden und vor allem die Iren: Sie sind bei Pensionsantritt laut OECD-Statistik zumindest 63 Jahre alt, die Iren sogar 64,1.
Genau hier gelte es einzuhaken: Primäres Ziel in allen EU-Staaten müsste als Schritt eins die Anhebung des tatsächlichen Pensionsalters sein, sprich: ein konsequentes Näherrücken an das gesetzliche. Das kann die Union zwar empfehlen, doch - leider - nicht ex cathedra verordnen. Teilweise hängt der frühzeitige Ausstieg aus dem Berufsleben von den Betroffenen selbst ab, großteils aber liegt er im Ermessen von tausenden und abertausenden Unternehmen, die einfach Lohnkosten einsparen möchten und daher ihre erfahrensten Kräfte oft über Nacht in die Wüste zu schicken pflegen. Die nationalen Regierungen freilich haben bzw. hätten die Möglichkeit, sparwütige Firmen bei Kündigung älterer Mitarbeiter mit Strafzahlungen an die Kandare zu nehmen - eine großflächige, nachhaltige Problemlösung wäre dabei allerdings kaum zu erwarten. Und niemand hindert sie, sich zielführende Strategien und Maßnahmen einfallen zu lassen, damit an sich arbeitswillige Senioren länger im Saft bleiben könnten.
Bürger zweiter Klasse
Trotz aller europa-weiten Bemühungen und Initiativen, die nicht übersehen werden dürfen, fehlt es letzten Endes immer noch an ausreichend kreativen Ideen und Modellen, wie ältere Arbeitnehmer, die den Arbeitsplatz verlieren, weiterhin Verwendung finden könnten. Das wäre beispielsweise auch nur zeitlich begrenzt, zu schlechteren Konditionen und/oder in anderen Funktionen denkbar - Hauptsache, die Betroffenen verfallen nicht in tiefe Depressionen, weil sie sozusagen zu Bürgern zweiter Klasse gestempelt werden. Insbesonders Konzerne, aber auch alle übrigen Unternehmen, die sich derartige Modelle einfallen ließen, sollten klarer Weise staatliche Unterstützungen erhalten, weil sie nicht nur den älteren Dienstnehmern, sondern ihrem Land einen großen Dienst erweisen. Dergestalt könnten sie auch den Nachweis erbringen, dass der Mode-Begriff Corporate Social Responsibility mehr ist als ein beliebtes Schlagwort.
Fazit: László Andor, dessen Ziel es ja ist, für graue Panther bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu finden, wäre gut beraten, von seiner ziemlich illusorischen Grundidee abzugehen und stattdessen für möglichst flexible Lösungen einzutreten, die sich letztlich als sinnvoller erweisen: Denn wenn die Deutschen als selbsternannte Vorreiter der Union das reguläre Pensionsalter bis 2029 schrittweise auf 67 Jahre erhöhen wollen, dann ist das ihre Sache, aber noch nicht unbedingt ein ideales Modell für andere Staaten. Der Weg, den Finnland eingeschlagen hat, scheint vergleichweise vielversprechender und zur Nachahmung besser geeignet zu sein: Dort versucht man es mit einem flexiblen Pensionsanstrittsalter, wobei ältere Arbeitskräfte selbst entscheiden, wann es zwischen dem 63. und dem 68. Lebensjahr genug sein soll. Werden betagte Dienstnehmer von ihrem Arbeitgeber einfach ausrangiert, muss letzterer einen Teil der Pensionszahlung oder des Arbeitslosengeldes übernehmen - ein cleveres Konzept, das übrigens die rot-weiss-roten Senioren-Vertreter Karl Blecha und Andreas Khol soeben übernommen haben. Eine Art Best Practice-Beispiel ist auch Schweden, wo der exakte Termin des Pensionsantritts ebenfalls jedem überlassen bleibt: Das schwedische Pensionsmodell basiert auf einem Beitragskonto auf Umlagebasis, wobei die eingezahlten Beiträge real verzinst und sodann gemäß der durchschnittlichen Restlebenserwartung ausbezahlt werden. Übrigens: Die Pensionen in Schweden machen ungefähr 50 bis 60 Prozent des früheren Erwerbs-einkommens aus, wovon Besserverdiener in Österreich nur träumen können.


















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