China ist nicht die Caritas
Die Volksrepublik China fühlt sich pudelwohl in ihrer neuen Rolle der reichen Tante, die den armen Europäern zur Hilfe zu eilen bereit ist. Muss ja auch ein geiles Gefühl sein, wenn sich ausgerechnet der aufstrebende kommunistische Gigant als Retter des alten kapitalistischen Systems aufspielen kann.

Bild: Wilhelmine Wulff / pixelio.de
Die Chinesen, schon jetzt siebent wichtigster Investor im Königreich, wollen trotz hoher Eintrittsbarrieren etwa via Public-Private-Partnerships künftig groß auftrumpfen. Ins Visier haben sie natürlich nicht nur die Briten genommen, sondern gleich ganz Europa: Hier sind im Vorjahr bereits rund 10 der insgesamt im Ausland investierten 68 Milliarden Dollar gelandet - erstmals mehr als in den USA. Die Shandong Heavy Industry Group beispielsweise erwarb 75 Prozent am italienischen Yachtproduzenten Ferretti, die State Grid Corporation pf China wiederum kaufte sich mit 25 Prozent beim portugiesischen Stromversorger Redes Energeticas Nacionais ein. In dieser Gangart, nur noch rasanter, wird es heuer garantiert weiter gehen. Auch wenn es gar nicht so einfach ist, sich in Europa festzusetzen: „Die Europäische Union“, sagte kürzlich Wan Jifei, Boss des China Councils for the Promotion of International Trade, „ist nicht so wie die USA ein einheitlicher Markt - dort gibt es in jedem Mitgliedsland eigene Gesetze“.
Dass sie im Grunde genommen in Europa nicht so wirklich willkommen sind, weil man offenbar Angst vor ihnen hat, scheint die Chinesen indes eher weniger zu stören: Sie überschwemmen den Kontinent mit ihren Billigprodukten und schätzen die EU als ihren wichtigsten Handelspartner. 2011 hat das bilaterale Handelsvolumen bereits die Traummarke von 500 Milliarden Dollar überschritten. Endlich Zeit, um den Europäern ein wenig die Muskeln zu zeigen: Chinas Großkonzerne beabsichtigen zum Beispiel die Gründung von Forschungs- und Entwicklungszentren, wollen Technologien zukaufen, sich an interessanten Industriefirmen beteiligen und auch glamouröse Brands inhalieren - produziert soll im lohnintensiven Europa freilich nicht werden, das erledigen sie lieber zu Hause.
Goliath China sucht Harmonie
Die vermeintlichen Retter Europas verfolgen jedenfalls ausschließlich eigene Ziele - China ist nicht die Caritas. Sie schätzen die politische Stabilität in der alten Welt, die am heimischen Megamarkt alles andere als selbstverständlich ist, sie riechen exzellente Chancen, hier fette Returns einzufahren, und sie lieben es, sich allmählich als führende Wirtschafts-supermacht der Zukunft profilieren zu können. Selbst wenn das erklärte Traumziel der chinesischen Führung, die USA irgendwann einmal zu überrunden, noch ein paar Jahrzehnte auf sich warten lassen wird, ist das 1,3 Milliarden Menschen zählende Imperium auf seinem langen Marsch noch recht gut unterwegs. Noch - denn die ersten Wolken sind bereits am Horizont aufgezogen: Das dynamische Wirtschaftswachstum der letzten Jahre flacht allmählich ab, die Exporteure müssen seit kurzem einen heftigen Dämpfer hinnehmen, die Außenhandelsbilanz ist tief ins Minus gekippt, und die Notenbank musste kürzlich den Yuan gegenüber dem Dollar abwerten, um die Ausfuhren zu erleichtern. Immerhin hatte der Yuan-Kurs seit 2005 real um 30 Prozent zugelegt.
Katastrophenstimmung ist zwar noch nicht angesagt, weil das BIP-Wachstum 2012 immer noch 7,5 Prozent betragen könnte, aber falls, wie von Experten prognostiziert, demnächst die Immobilienblase platzen sollte, dann droht der Volksrepublik ein kräftiger Gegenwind, der sie weit zurück werfen würde. Dass so ein Szenario unschwer in interne Polit-Troubles münden könnte, lässt westliche Wirtschaftspartner am Business mit den an sich so harmoniebedürftigen Chinesen zweifeln. Sie sehen sich einem letztlich unberechenbaren Goliath gegenüber, der mit voller Wucht lediglich seine Vorteile erzwingen will und sämtliche Davids als Mittel zum Zweck zu betrachten scheint. Ein Musterbeispiel, dass China beinhart agiert, wenn es um die Durchsetzung eigener Interessen geht, sind etwa die Exportrestriktionen für die so genannten „seltenen Erden“. Vorige Woche hatten die USA bei der Welthandelsorganisation WTO eine Beschwerde eingebracht, die von der EU und Japan unterstützt wird - mit dem Ziel, künftig leichter an die 15 speziell von der weltweiten Stahlindustrie nachgefragten raren Metalle wie Wolfrum und Molybdän heranzukommen. Chinas scheidender Premier Wen Jiabao hat dieses Problem nicht einmal direkt angesprochen, jedoch an die aufgeregten Amis appelliert, dass „Kooperation zu einem gesunden und nachhaltigen Wachstum in beiden Ländern führen“ könne. Sein Wort in Buddhas Gehörgang...


















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