Donnerstag 20. Juni 2013, 13:26

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Boom bei Schwund- und Parallelgeld

Im Schatten der Weltwirtschaftskrise war es in den 1930ern europaweit zu ersten Experimenten mit Schwundgeld gekommen. Heute vermengen sich die morbiden Schatten eines zerbrechenden Euros mit utopischen Gesellschaftsmodellen zur Geburt immer neuer Parallelwährungssystemen.

Wörgler Schwundgeld von 1932. Rechts oben sind die geklebten (Negativ-) Zinsmarken zu sehen.
Wörgler Schwundgeld von 1932. Rechts oben sind die geklebten (Negativ-) Zinsmarken zu sehen.
Bild: Quelle: Wikipedia
Umlaufgesichertes Geld (auch Freigeld oder Schwundgeld) ist Geld mit einem Ablaufdatum. Gibt man es nicht innerhalb einer bestimmten Zeit aus, verliert es seinen Wert. Beim berühmten „Wörgler Schwundgeld“ während der Weltwirtschaftskrise musste monatlich eine Marke zu einem Prozent vom Nominalwert gekauft (und draufgeklebt) werden, sonst wäre der Geldschein ungültig geworden. Der Wert des Geldes nahm also vorhersehbar ab.

In ihrer Verzweiflung der Weltwirtschaftskrise bezahlten Betriebe wie die Gemeinde Wörgl ihre Mitarbeiter nur mehr mit sogenanntem Schwundgeld. Die lokale Wirtschaft akzeptierte die Parallelwährung als Zahlungsmittel und die Menschen waren zum Ausgeben gezwungen. Das Geld blieb im Ort und es kam zu einem bescheidenen Aufschwung. Sparen machte keinen Sinn.

Diebstahl durch Politiker

Ideenlieferant war dabei die Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells. Doch ganz neu war die staatlich erzwungene Wertvernichtung auch schon damals nicht. Bereits im Mittelalter (zwischen 1075 und 1400) erklärten lokale Fürsten und Klöster in bestimmten Situationen das von ihnen ausgegebene Münzgeld für ungültig bzw. tauschten es mit einem Abschlag von etwa 15% bis 40% gegen die von ihnen stattdessen neu ausgegebene Währung. Als „Münzverrufung“ behübschte man den schlichten Diebstahl durch Staat und Politik.

Das „Wunder von Wörgl“ entstand in einer Extremsituation. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 hatte die schwache Wirtschaft Österreichs massiv getroffen. Doch war das Geld nicht basisdemokratisch, wie heute gern verklärt wird, sondern eher das Gegenteil. Denn die Menschen mussten einen Wert von 100 leisten, um diesen Wert dann mit der Zeit wegschmelzen zu sehen. Eine Währung hatte ihre Aufbewahrungsfunktion völlig verloren. Weil Sparen also sinnlos wurde, zwang man die Menschen, von einem Tag auf den anderen zu leben. Von der Hand in den Mund.

Schwund-Geld − basisdemokratisch und gemeinschaftsbildend?

In den 1930er Jahren war es einen Versuch wert, für heute kann es aber nicht als Vorbild gelten. Eine moderne Wirtschaft muss Waren vorfinanzieren, die Menschen wollen auch nicht nur zur Miete wohnen, sondern sich ihren Wohnraum entweder ansparen bzw. abbezahlen. Die Produktion langlebiger Konsumgüter käme ganz zum Erliegen, weil Konsumenten nicht auf deren Anschaffung hin sparen könnten bzw. sie nicht finanzieren könnten. In Deutschland wäre alleine eine Million direkter Jobs im Fahrzeugbau akut gefährdet (und drei Millionen indirekt). Die Folgen für Ökonomie und Wohlstand wären katastrophal, eine Weltwirtschaftskrise à la 1929 die Folge.

Das Schwundgeld ist aber nicht nur undemokratisch, es ist auch unsolidarisch – gegenüber den Produzenten und Händlern anderer Orte. Verfügten die eventuell über bessere Produktionsvoraussetzungen als im „Schwundgeld ausgebenden“ Ort, dann würde die Allokation von Ressourcen nicht mehr volkswirtschaftlich optimal erfolgen. Man würde nicht am besten Ort, sondern an dem mit dem größten Einzugsgebiet für Schwundgeld produzieren. Damit könnten sich nicht mehr ausgesuchte Regionen auf ein bestimmtes Produkt (in Großserie) spezialisieren, stattdessen würden viele Orte viele Produkte in vielen Kleinserien − völlig ineffizient und überteuert − erzeugen. Kaufkraft und Wohlstand würden sehr schnell abnehmen.

So wie auch die Größe der Orte. Kann ein mittelalterlich produzierender Ort (und dessen System) sie nicht ernähren, flüchten sie zum nächstbesseren. Die Dörfer würden sterben, und nicht wachsen.

Parallelgeld: Waldviertler Kirchturmdenken

Sechs Regionalgelder gibt es mittlerweile schon in Österreich, 60 sind es in Deutschland (10 davon sollen funktionieren). Es handelt sich dabei meist um Parallel- oder Komplementärgelder. Dabei gibt man Euro-Gutscheine aus, die nur von heimischen Kaufleuten akzeptiert werden. Der Sinn ist klar: Die Kaufkraft soll im Dorfe bleiben.

Auch hier wieder greift der Mensch in die optimale Allokation von Ressourcen ein. Volkswirtschaftlich wie ökologisch wäre es am besten, wenn der Mensch ausschließlich in Ballungsräumen wohnen würde. Der öffentliche Verkehr erfolgte dort effizienter, genauso Energiever- und Müllentsorgung, Wohnraumschaffung oder Produktion. Nun bremsen schon Kilometergeld und Pendlerpauschale als „Zersiedelungsprämie“ den Aufbau effizienter Zentralräume. Mit dem Regionalgeld würde dies noch langsamer vonstattengehen.

Tauschgeld ist der Ausfluss eines antiquierten Kirchturmdenkens einer Gesellschaft, die − völlig frei von Wirtschaftsbildung – zunehmend einem romantisierten Gesellschaftsbild des 13. Jahrhunderts anzuhängen scheint. Dabei zementiert die neue Währung ökonomisch ineffiziente Strukturen ein. Mit dem Regionalgeld müssten die Kaufleute eines Ortes etwa den Bau eines Shoppingcenters zwei Ortschaften weiter nicht fürchten. Dabei hätte dieses für die Menschen wahrscheinlich einen höheren Mehrwert als ein überteuerter Tante-Emma-Laden mit geringem Angebot. Hält man mit sanftem Druck Menschen zum Kauf von Gütern unterm eigenen Kirchturm an, beschneidet man in Wahrheit ihre Freiheit ganz massiv. Denn man verhindert ökonomische Veränderungen (etwa den Bau des Shoppingcenters zwei Ortschaften weiter), die bei freien demokratischen Entscheidungsabläufen anders verlaufen wären. Damit ist Tauschgeld alles, nur nicht basisdemokratisch.

Natürlich kann der Wohlstand einer Gemeinde vordergründig zunehmen, kurzfristig zumindest. Gleichzeitig lässt das unsolidarische System den Wohlstand woanders dafür im selben Ausmaß schmelzen. Als „gerechte“ Strafe wird der Wohlstand im eigenen Ort dafür langfristig abnehmen, weil einzementierte Strukturen die Kosten (und damit die Preise) für seine Bürger künstlich hochhalten. Weil man Bürger in der heutigen Zeit nicht mehr mit Gewalt zum Bleiben zwingen kann, werden sie das tun, was sie immer schon zu tun pflegten: Sie fliehen vor dem Mief des Dorfes in die Stadt.
 


 




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