Sonntag 19. Mai 2013, 11:24

Energie & Ressourcen


Biosprit mit Gütesiegel

Geht es nach den Vorstellungen der EU, so soll im Bereich der erneuerbaren Energie bis 2020 allein am Sektor Verkehr eine anteilsmäßige Mindestquote von 10% erreicht werden. Kommen Biokraftstoffe zum Einsatz, um dieses engagierte Ziel zu erreichen, so haben diese eine Reihe von Nachhaltigkeitsanforderungen zu erfüllen. Fotos von brandgerodeten Wäldern in Südamerika, wie wir hier eines zeigen, sollen schon bald der Vergangenheit angehören. Biokraftstoffe, die als umweltfreundlicher Ersatz für fossile Kraftstoffe verwendet werden, dürfen, so will es Brüssel, keinesfalls aus Pflanzen hergestellt werden, ...

Brandrodung des Urwalds
Brandrodung des Urwalds
Bild: (c) Julio Pantoja/Greenpeace
die auf Flächen mit biologischer Artenvielfalt angebaut werden wie z.B. Regionen mit Schutzgebieten oder Flächen wie Wälder oder Torfgebiete, die große Mengen an Kohlenstoff zu binden vermögen. Es dürfen weder tropische Regenwälder noch kohlenstoffreiche Torfgebiete in Palmöl- oder Zuckerrohrplantagen umgewandelt werden. Zudem haben die Anbieter zu garantieren, dass im Vergleich zu den fossilen Kraftstoffen deutliche  Einsparungen bei den gefährlichen Treibgasen nachweisbar sind. Anhand freiwilliger Zertifizierungssysteme soll die Nachhaltigkeit der Biokraftstoffe überprüft werden, wobei es ausreichend sein soll, dass diese von den Mitgliedsstaaten oder der Europäischen Kommission anerkannt wird. 

 

Freiwillige Zertifizierungsmodelle als Gütesiegel

 
ISCC, Bonsucro EU, RTRS EU RED, RSB EU RED, 2BSvs, RSBA und Greenergy: Das sind die durch die Kommission anerkannten, auf Freiwilligkeit beruhenden Systeme zum erfolgreichen Nachweis der Nachhaltigkeit von Biosprit, die in den 27 Mitgliedstaaten vorgesehen sind.
ISCC ist ein deutsches, staatlich finanziertes System für alle Arten von Biokraftstoffen. Bonsucro EU ist eine Roundtable - Initiative für Biokraftstoffe auf der Grundlage von Rohrzucker brasilianischer Herkunft. RTRS EU RED als weitere Roundtable - Initiative für Biokraftstoffe basiert auf der Grundlage von Soja mit Schwerpunkt Argentinien und Brasilien. Auch RSB EU RED, anwendbar für sämtliche Arten von Biokraftstoffen, basiert auf einer Sesselkreis – Initiative. 2BSvs, System der französischen Industrie für alle Arten von Biokraftstoffen und RSBA, das System für die Lieferkette des Unternehmens Abengoa finden bei der Kommission ebenso Anerkennung wie Greenergy, dem System des Unternehmens Greenergy für Ethanol aus Zuckerrohr aus Brasilien.
Anhand dieser Nachhaltigkeitskriterien – so sieht es jedenfalls die Kommission, sei ausreichend sicher gestellt, dass Flächen mit großer Artenvielfalt und hohem Kohlenstoffbestand keinesfalls in  Anbauflächen für die Ausgangsstoffe von Biokraftstoffen umgewandelt werden. 
 

Biokraftstoffe mit staatlicher Förderung

 
Staatliche Förderungen sowie die Anrechenbarkeit auf den jeweiligen Anteil an erneuerbarer Energie sind bei den in der EU verwendeten Biokraftstoffen, ganz gleich ob importiert oder in der EU hergestellt, an diese Nachhaltigkeitsauflagen gebunden.
Für die Praxis bedeutet das: Biokraftstoffe aus Pflanzen, die auf Flächen angebaut werden, die einst Regenwald oder natürliches Grünland mit einem charakteristischem Ökosystem waren, werden defacto nicht  als nachhaltig gewertet und in Folge nicht subventioniert.. Die Treibhausgasemissionen werden über die gesamte Herstellungskette betrachtet und müssen um mindestens 35 % niedriger als bei fossilen Kraftstoffen sein. Dieser Prozentsatz wird nach und nach steigen. Weiters liegt es im freien Ermessen der Anbieter von Biokraftstoffen zu wählen, ob die Einhaltung der Nachhaltigkeitsforderungen gemäß nationaler Systeme oder durch ein von der Kommission anerkanntes, ebenfalls freiwilliges System erfolgt.   
Die von der Kommission bezüglich Nachhaltigkeitsanforderungen geprüften Systeme werden, sofern diese die Richtlinien für erneuerbare Energie erfüllen, auf 5 Jahr zugelassen. Die gemäß diesen Kriterien hergestellten Produkte erhalten das entsprechende Zertifikat. Über vergleichbare weitere Kontrollsysteme werden derzeit entsprechende Verhandlungen geführt. 
 

N. Berlakovich: Kein Biosprit aus dem Dschungel!

 
Demoballon
Demoballon
Bild: (c) Julio Pantoja/Greenpeace
EU-Energiekommissar Günther Oettinger vertritt den Standpunkt, dass die heute auf EU-Ebene anerkannten Systeme ein gutes Beispiel für ein transparentes und zuverlässiges System sind, welches dafür sorgt, dass diese hohen Standards auch wirklich erreicht werden. Man müsse lediglich sicher stellen, dass die gesamte Biokraftstoffherstellungs- und –versorgungskette nachhaltig sei, so Oettinger weiter. Er gibt jedoch zu, keine tragfähigen Aussagen betreffend des tatsächlichen Landverbrauchs d.h. jener Flächen von Regenwald und Mooren, die Kohlendioxid speichern können, tätigen zu können. Unter diesen Umständen wären nämlich die von der Kommission anerkannten Öko – Zertifikationen gar nicht so nachhaltig wie dies von offizieller Seite angegeben wird. 
 

ILUC: Alles nur Beschwichtigung?

 

Während aufgrund der rasch steigenden Weltbevölkerung mit einem drastisch zunehmenden Bedarf an Nahrungsmitteln zu rechnen ist, erfordert die steigende Biospritproduktion eine Umwandlung von Wald, Weide- oder Brachland in Ackerland. Dieser Effekt nennt sich "Indirekte Veränderung der Bodennutzung" bzw. "Indirect Land Use Change", abgekürzt ILUC. Die Kommission beabsichtigt, einen entsprechenden Bericht vorzulegen, folgende Vorgehensweisen sind denkbar: Vorerst reine Überwachung ohne einzugreifen. In Folge wäre die Erhöhung des Mindestschwellenwertes für die Reduktion von Treibhausgasreduktion bei Biosprit sinnvoll sowie weitere zusätzliche Auflagen zum Nachweis der Nachhaltigkeit. Erst danach käme die Berücksichtigung des ILUC Faktors in Frage.

   

Etwas Bio im Tank. Reichlich Hunger in Afrika!

 
Die um sich greifende Biowelle hat auch eine Kehrseite: In Deutschland hat der umstritten Kraftstoff E 10 bei den Lenkraddrehern für reichlich Unmut und Ablehnung gesorgt. Von den technischen Tücken einmal abgesehen gilt es, einmal folgende Überlegung zu treffen: Die Getreidemenge für eine Tankfüllung E 10 reicht für 18 Kilo Brot. Die Lebensmittelindustrie warnt zu Recht vor einer nahezu unvermeidbaren Teuerungswelle bei Nahrungsmitteln. 
Der Agrarexperte von Greenpeace, Martin Hofstetter, verweist auf jene 142 Mio. Tonnen Getreide, welche letztes Jahr für den unbeliebten Biosprit herhalten mussten. Mit dieser Menge hätten 420 Millionen Menschen ein Jahr lang ernährt werden können!
 
Fazit: Bio bringt nicht immer Gutes. Die Skepsis der zahlreichen Kritiker scheint begründet. So

Ist der ARBÖ gegen die für 2012 geplante Einführung von E 10 Biosprit, da es in Österreich knapp eine halbe Million Autos gibt, die mit dem Biosprit nicht klar kommen. Ganz ähnlich sehen es auch die Experten des ÖAMTC, die von den Herstellern verbindliche, weil nachweisbare Angaben über die Verträglichkeit der Kraftstoffe verlangen.


 




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