Biosprit: E10 sichert EU-Ziele (Teil 2)
Mit der Einführung von E10 soll Österreich im Bereich der schadhaften CO2-Emissionen aus dem Verkehrssektor wieder auf Kurs kommen. Der Beimengung von Bioethanol soll von 5 auf 10% erhöht werden. Aus Sicht der Experten gibt es aus technischer Sicht kaum Bedenken. Die Richtlinien müssen erfüllt werden.

Bild: Viktor Mildenberger/pixelio.de
Treibhausgaseinsparungen ein Märchen?
Dr. Gerfried Jungmeier (Energieforscher, Joanneum Research Graz) liefert brandneue Ergebnisse was die nachhaltige Produktion von Biotreibstoffen „Made in Austria“ betrifft. Gegenüber fossilen Treibstoffen ist ein deutlich verbesserter CO2-Emissionswert feststellbar. Das geht aus Berechnungen anhand einer ganzheitlichen Lebenszyklus-Analyse hervor. Bei der Nutzung von Biodiesel reicht die Reduktion der Emissionen bis 60%, bei Bioethanol gar bis 70%. Das entspricht einer deutlichen Verbesserung. Entsprechende Rahmenbedingungen vorausgesetzt ortet der Spezialist für unliebsame Schadstoffe sogar ein Einsparungspotenzial von 90%. Die Berechnungen berücksichtigen sechs Emissionsanteile. Der Anbau der Rohstoffe wird ebenso berücksichtigt wie auf das Jahr kalkulierte Emissionen infolge von möglichen Landnutzungsänderungen. Dazu kommen Verarbeitungsprozess, Transport und Vertrieb der Rohstoffe und des Biotreibstoffes, weiters die Nutzung von Biotreibstoffen und Einsparungen mittels Abscheidung und Ersetzung von Kohlendioxid. Das Ergebnis überrascht, Optimismus ist angebracht.
Bioenergieproduktion und globale Agrarmärkte
Prof. Dr. Dr. h.c. Harald von Witzke (Humboldt-Universität Berlin) macht sich, was die Produktion von Bioenergieprodukten betrifft, ebenfalls so seine Gedanken. An der Tatsache, dass eine Ressourcenkonkurrenz besteht gibt es nichts zu rütteln, doch wird diese zumeist überschätzt. Die Agrarpreise sind weltweit tendenziell im Steigen, bedingt durch die enorme Nachfrage ist keine Änderung in Sicht. Das bedeutet, wir werden für Nahrungsmittel in Zukunft tiefer in die Tasche greifen müssen, die Nachfrage wächst stärker als das Angebot. Das hat jedoch reichlich wenig mit Biokraftstoffen zu tun, flächenmäßig geht es um einige wenige Prozentpunkte. Das Kernproblem liegt an der Flächenproduktivität. Die Agrarproduktion kann mit dem Bevölkerungswachstum einfach nicht Schritt halten, landwirtschaftlich nutzbare Flächen sind begrenzt. Besonders ärgerlich sind die Kürzungen im Bereich Agrarforschung, Budgets werden für alles möglich eingesetzt nur nicht dort wo sie gebraucht werden. Ohne Produktivitätssteigerung wird es sichtlich eng, wir sitzen auf einem Pulverfass. Die steigenden Energiepreise erachtet der Experte für fatal – das wird noch eine sicherheitspolitische Frage. Die Tatsache, dass Landwirtschaft energieintensiv ist, macht die Lage auch nicht besser.
Getreidebilanz Österreich: Marktüberschuss
Der österreichische Getreidemarkt hat durch EU-Osterweiterung eine gravierende Änderung erfahren. Weiters ist die inländischen Verarbeitung drastisch angestiegen. Der überwiegende Teil des österreichischen Getreides wird verfüttert, hochwertiger Weizen nach Italien geliefert. Im Gegenzug importieren wir Weizen aus dem Osten mit geringerer Qualität, um den industriellen Bedarf zu decken. Während die Zahlen für Nahrungs- und Futtermittelverbrauch in den vergangenen Jahren nur mäßig gestiegen sind, ist der industrielle Bedarf mit 30% ziemlich hoch. Die mittel- und osteuropäische Region erwirtschaftet einen jährlichen Marktüberschuss von in etwa neun Millionen Tonnen Getreide pro Jahr, wobei Ungarn mit sechs Millionen Tonnen den Hauptanteil hat. Schöne Zahlen, schöne Worte: Christian Gessl (Agrarmarkt Austria) gibt sich zufrieden mit der aktuellen Entwicklung, die Produktion kann mithalten, der Bedarf ist gesichert. Lediglich dem Flächenstilllegungsprogramm der EU kann er nichts abgewinnen: Das gehört abgeschafft.
E10 und ein leerer Kühlschrank
Schenkt man den Ausführungen von Felicitas Schneider (BOKU Wien, Institut für Abfallwirtschaft) Glauben, so besteht zwischen E10 und einem leeren Kühlschrank kein unmittelbarer Zusammenhang. Das Problem ist anderwo zu finden. Wir leben im Überfluss. Pro Jahr werden 1,3 Milliarden Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen, in Österreich landen jährlich 166 000 Tonnen im Restmüll.
Nordamerika und Europa liegen diesbezüglich im weltweiten Vergleich auf Konsumentenseite im Spitzenfeld, die Verluste im Bereich Produktion bis Handel sind jedoch weltweit ähnlich. Weiters benötigen Lebensmittel reichlich Wasser und landwirtschaftlich nutzbare Fläche sowie Düngemittel und Energie für Transport, Kühlung und Lagerung. Die Überdüngung verursacht reichlich Emissionen, alle Aufwendungen sind umsonst, wenn sie nicht gegessen werden. Einmal auf Deponie, entwickeln sich die feinsten Köstlichkeiten als Methanschleudern. Methan ist 25 mal so wirksam wie Kohlenstoffdioxid. Landwirtschaft und Deponien sind als anthropogene Methanquellen unerreicht, die globalen klimatischen Auswirkungen verheerend. Was das mit E10 zu tun hat? – Ganz einfach: Ressourcenbewusstsein fängt beim täglichen Einkauf an, hier gibt es reichlich Einsparpotenzial in großen Mengen. E10 im Tank bedeutet noch lange keinen leeren Kühlschrank. Es geht schlichtweg um Nachhaltigkeit, Klimaschutz und einheitliche europäische Massnahmen. Einmal mehr ist Brüssel gefragt. Wir brauchen geeignete Massnahmenpakete und Benchmarks.
iLUC-Werte: Für Benchmarks unbrauchbar
Erneuerbare-Energie-Richtlinie und Nachhaltigkeit verlangen nach kontinuierlicher Überprüfung. So hat beispielsweise die EU-Kommission dem EU-Rat den iLUC-Bericht (Indirect Land Use Change) vorzulegen. Es geht dabei um Landnutzungsänderungen und deren Auswirkungen in Zusammenhang mit Treibhausgasemissionen. Um das Chaos perfekt zu machen wurde die IFPRI-Studie mit ins Kalkül genommen. Ergebnis: Einmal mehr werden Äpfel mit Birnen verglichen. Brüssel setzt auf eine Studie ohne Aussagekraft auf, da die Modelle nicht kalibriert sind. Das wiederum bedeutet, dass die Effekte von Biomasse kaum nachvollziehbar sind und bestenfalls einer Schätzung der Marke Milchmädchen entsprechen. In Relation zum Nutzen ist besonders der hohe Flächenbedarf für E10 auffällig, so die Ausführung von Dietrich Klein (COPA-COGECA, Brüssel, GF Bundesverband der deutschen Ethanolwirtschaft). Wir brauchen neue Benchmarks – die IFPRI-Studie ist für verbindliche Massnahmenpakete denkbar ungeeignet.
Bleifrei, Diesel und Super sind der Tiger im Tank. Morgen gehen wir zu Fuß …
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