Biodiversität: Warum wir uns Natur leisten müssen
Trotz intensiver Bemühungen den gegen-wärtigen Verlust an Biodiversität einzudämmen, ist dies weder auf nationaler noch regionaler Ebene gelungen. Die Festlegung der neuen Biodiversitätsziele bis 2020 soll die längst fällige Wende einläuten. Mit der neuen Strategie der EU soll es letztendlich gelingen, die ambitionierten Ziele bezüglich Artenvielfalt, Ökosystemleistung und Umweltschutz nachhaltig auf die Reihe zu bekommen.

Bild: EU-Infothek/T. Winkler
Vehemente Forderung nach Biodiversitätscheck
Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Umweltdachverbands, lässt an der bisherigen Förderungspolitik der EU kaum ein gutes Haar. Mangels Gesetzeslage werde schlichtweg auf die Arten- und Lebensvielfalt verzichtet, was irreversible Folgen mit sich bringen könne: Arten, die erst einmal ausgestorben sind, können nun mal nicht zurück gewonnen werden. Heilingbrunner wertet die aktuelle Strategie als einzige Katastrophe für Natur und Umwelt. Das um sich greifende Bienensterben bildet gewissermaßen erst den Anfang vom Ende, die ernährungspolitische Katastrophe kann, schenkt man seinen Worten glauben, nicht ausbleiben.
Georg Rebernig, der Geschäftsführer des Umweltbundesamt, sieht es ähnlich: In Österreich sind mittlerweile 50% der Biotoptypen gefährdet. Das Kapital Natur und damit auch die Ökosystemleistung müsse unbedingt erhalten werden, Biodiversitätsauflagen seitens der EU sind unbedingt erforderlich, um die weitere soziale Entwicklung nicht nachhaltig zu gefährden. Es muss ein Integrationsprozess in andere Bereiche erfolgen, nur der permanente Dialog kann das Kapital Natur schützen.
Die Politik hinkt nach
Gabriele Eschig, Generalsekretärin der UNESCO-Kommission, fordert in diesem Zusammenhang ebenfalls ziemlich nachdrücklich eine konsequente Interdisziplinarität und weitreichende Zusammenarbeit ein, um die aktuelle Problematik sicher in den Griff zu bekommen. „Die Risikobereitschaft der Verantwortlichen ist zu hoch, der politische Wille zu schwach“, so Eschig, und fordert das konsequente Engagement der Verantwortlichen. In ihren Augen ist das Kernproblem, die Ursache für die aktuelle Lage in der nationalen Politik zu finden, fehlendes Bewusstsein zur Materie ist der Sachlage nicht gerade dienlich.
Bewusstseinsbildung an breiter Front
Jacqueline McGlade, Direktorin der Europäischen Umweltagentur, sieht die Biodiversität ebenfalls in großer Gefahr. Das Problem Bienensterben bezeichnet sie mittlerweile als hochproblematisch; andernorts werden Unsummen an finanziellen Mittel in die Hand genommen, um dieses Problem zu lösen bzw. kompensieren; noch gibt es Hoffnung für ausreichend Biodiversität, doch es muss endlich gehandelt werden. 52% der beobachteten Arten befinden sich mittlerweile in einem bedenklichen Status. Der globalen Ressourcenverschwendung muss nachhaltig gegen gesteuert werden, um eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes zu verhindern. Die steigenden Gesundheitskosten sind eine Folgeerscheinung der Umweltbelastung, die globalen Megatrends bringen ungeahnte Risiken für die Umwelt. Grönlands Gletscher schmelzen, es wird zu wenig recycled. „Es erfordert Unsummen, um den Planeten wieder zu putzen“, so McGlade wörtlich. Den CO 2 – Handel bezeichnet diese – charmant umschrieben - schlichtweg als Kuhhandel und Augenauswischerei. Es ist wichtig, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.
Ziele, die Geld kosten, sind in einer profitorientierten Gesellschaft leider nur schwer durchzusetzen, speziell wenn die Politik zu schwach ist, um diese Ziele konsequent durchzusetzen. Es geht in erster Linie um Bewusstseinsbildung. Eye-on-Earth, eine Kommunikationsplattform für Smartphones, informiert über Umweltthemen. Das Pilotprojekt ist ein erster Schritt in diese Richtung, um die Bevölkerung mit fundierten Daten über die aktuelle Lage auf unserem Planeten zu informieren.
Der Appell der Europäischen Umweltagentur an die regionale Wirtschaftspolitik, Lösungen zu finden und dabei auch weiterhin die regionale Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten ist nicht mehr zu überhören. Es müssen adäquate Lösungen her, so oder so. Andernfalls hat die nächste Generation ein Problem mehr zu lösen, und das kann es wirklich nicht sein.
Brüssel: Offene Ohren für Umweltprobleme
Viel ist geschehen, doch es ist zu wenig – so ließe sich der Status quo am einfachsten beschreiben. Das Natura 2000 Network ist als solide, absolut tragfähige Basis zu werten, jetzt geht es darum, dieses zu aktivieren. Das erfordert eine verbesserte Integration in das laufende Tagesgeschehen der Mitgliedstaaten. Brüssel erachtet die Grüne Initiative ganz im Sinne des Umweltschutzes, die geplanten Auflagen müssen stärker als bisher sozio-ökologischen Kriterien entsprechen, um Biodiversität und Ökosystemleistungen auch in Zukunft zu erhalten und die Artenvielfalt zu sichern.
Um dieses Ziel zu erreichen erwartet EU Umweltkommissar Janez Potocnik, entsprechenden Einsatz: Die Umsetzung der Grünen Initiative verlangt eine enge Zusammenarbeit der Regionen. Die grenzüberschreitende Strategie ist ebenfalls neu zu definieren und zu überarbeiten, um die erwünschte Nachhaltigkeit zu erzielen. J. Potocnik sieht zahlreiche Möglichkeiten, aktiv zu werden, für die bisherigen Leistungen in Sachen Umwelt findet er speziell für Niederösterreich ausgesprochen viele Gute Worte - hier sind die erzielten Ergebnisse besonders erfreulich. Doch zugleich bedauert er, dass der Informationsfluss nach Brüssel mitunter recht spärlich ausgeprägt sei, um rasch (ein neues Wort im Jargon der Kommission!?) agieren zu können.
Berlakovich: Kräfte bündeln!
In dem österreichischen Umweltminister Niki Berlakovich hat Mutter Natur einen grundsoliden, konsequenten Verbündeten gefunden. „Umweltschutz passiert vor der Türe, nicht in der Ferne“, so die mahnenden Worte des Ministers, „denn jeder kann und muss etwas tun, um die Biodiversität zu sichern“. Täglich sterben 130 Arten aus; dank umfassender Schutzprojekte ist alleine in Österreich für 150 Arten das Überleben weitgehendst gesichert. Auch Berlakovich setzt auf gezielte Bewusstseinsbildung, sowohl bei den Verantwortlichen als auch bei der Bevölkerung: Um Projekte dieser Tragweite zum Erfolg zu führen, sind gemeinsame Anstrengungen unumgänglich. Landwirte sieht er als willkommene, unersetzliche Partner für eine erfolgreiche Zusammenarbeit im Interesse der Umwelt, diese stehen bei dieser Herausforderung in der Ersten Reihe am Geschehen. Umso wichtiger ist es, dass Österreich bei der GAP-Reform mit aller Vehemenz um entsprechende Fördergelder aus Brüssel kämpft. Der Minister weiß, was zu tun ist und verspricht, ohne Kompromisse sein Bestes zu geben. Außerdem: Für seinen Geschmack ist die kürzlich präsentierte GAP-Reform mit entschieden zu viel Bürokratie verbunden, das muss auch anders gehen.
So wie es aussieht, wissen alle, was sie wollen und was zu tun ist. Das trifft sich ausgesprochen gut, denn es besteht akuter Handlungsbedarf.


















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