Dienstag 21. Feber 2017, 17:37

Interviews

Eva-Britt Svensson: Wir brauchen eine Frauenquote für Unternehmen

Eva-Britt Svensson  | Bild: European Union
Eva-Britt Svensson
Bild: European Union
Eva-Britt Svensson ist die Vorsitzende des Ausschusses für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter des Europäischen Parlaments. Die 64-jährige Schwedin, stellvertretende Vorsitzende der Konföderalen Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke, sprach anlässlich des 100. Jahrestags des „Internationalen Tags der Frau“ am 8. März mit EU-Infothek über den Weg, den die Frauen in den letzten 100 Jahren zurückgelegt haben.

Wie sieht ihre persönliche Bilanz dieser letzten 100 Jahre aus der Sicht der Frauen aus?

Eva-Britt Svensson: Wenn ich mein Leben mit dem meiner Mutter und meiner Großmutter vergleiche, kann ich den ganzen Fortschritt sehen, den wir erreicht haben. Wir haben mehr berufstätige Frauen, mehr Frauen in der Politikgestaltung, wir haben Sozialfürsorge und viele andere große Fortschritte. Es bleibt aber noch immer viel zu tun. Wir haben das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen, wir haben Gewalt gegen Frauen, es gibt noch nicht genug Frauen in der Politik und in der Wirtschaft. Bei den wichtigsten Entscheidungsprozessen in der Finanzbranche und in der Wirtschaft sind praktisch nur Männer beteiligt. Wir sehen Probleme wie den Klimawandel, aber es sind keine Frauen an der Macht, um das zu ändern. Es ist wirklich Zeit, dass Frauen auch in den höchsten Ebenen und Positionen dabei sind, um auf all diese wichtigen Entscheidungen Einfluss zu nehmen, die getroffen werden müssen.

In ihrer Heimat Schweden und in den anderen nordischen Ländern ist dieses Geschlechterverhältnis viel ausgeglichener als im Rest Europas, es sind viel mehr Frauen an den Schalthebeln. Wirkt sich das positiv auf die Gesellschaft und die Politik aus?

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass ich diese gute Gesetzgebung in den nordischen Ländern auf die EU-Ebene übertragen könnte. Aber das braucht seine Zeit. Ich muss aber sagen, dass es nicht daher kommt, dass wir bessere Politiker haben, sondern weil wir in den 1970-er Jahren in den nordischen Ländern starke Frauenbewegungen und eine starke Zivilgesellschaft hatten. Diese Zivilgesellschaft hat viel Druck auf die politischen Entscheidungen bewirkt, echte Änderungen vorzunehmen und gute Gesetze für die Rechte der Frauen zu machen: Kinderbetreuung, Altenpflege, Mutterschaftsurlaub, Vaterschaftsurlaub, Gesetze für erwerbstätige Frauen, usw.

Ist die Gesellschaft in diesen Ländern weniger machohaft als anderswo?

Wir haben natürlich auch in den nordischen Ländern beispielsweise Gewalt gegen Frauen. Aber bei uns ist es für alle Bürgerinnen und Bürger selbstverständlicher, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Rechte der Frauen wichtige Fragen sind. Es wird nicht darüber debattiert, warum es wichtig ist, mehr Frauen in der Politik zu haben – einfach, weil alle sich einig sind, dass es so ist.

Weil sie diese Diskussionen schon vor 40 Jahren geführt haben?

Genau.

Könnte der Rest Europas die Vorgehensweise der nordischen Länder in Frauenfragen einfach kopieren?

Wir hatten kürzlich eine Sitzung mit Abgeordneten aller nationalen Parlamente der EU-Länder, bei der wir über bewährte Praktiken und die besten Gesetze verschiedener Länder diskutiert haben. Natürlich haben die nordischen Länder nicht in allen Politikbereichen die beste Gesetzgebung. Wenn wir aber die besten Methoden und die vorbildlichen Verfahren aus verschiedenen Mitgliedsstaaten auf die EU-Ebene übertragen würden, könnten wir wirklich gute Ergebnisse erreichen.

Das wäre ein Top-Down-Ansatz, also von oben herab auferlegt. Wäre es nicht besser in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft vorzugehen, wie vor Jahrzehnten in ihrem Heimatland?

Wir müssen eine gute Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft haben. Abgeordnete können nicht nur im Parlament sitzen, wir müssen draußen sein, gemeinsam mit der Zivilgesellschaft. Wir dürfen nicht nur zu den Menschen sprechen, wir müssen ihnen zuhören. Wenn wir mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, können wir Fortschritte machen.

In den letzten Wochen ist die Frage einer Frauenquote wieder ein großes Gesprächsthema. Nach der deutschen Bundeskanzlerin Merkel hat auch EU-Kommissarin Reding den großen Unternehmen gesetzliche Maßnahmen angedroht, wenn sie den Anteil an Frauen in Führungspositionen nicht freiwillig erhöhen. Was halten sie von der Frauenquote als Instrument zur Erreichung der Gleichstellung der Geschlechter?

97 Prozent der Vorstandsvorsitzenden der großen Unternehmen sind Männer. Es ist eine Notwendigkeit, mehr Frauen in diesen Positionen zu haben. Nicht weil Frauen besser sind – aber wenn wir Wachstum wollen, wenn wir den Klimawandel bekämpfen wollen, müssen wir erkennen, dass wir auch das Wissen und die Erfahrung der Frauen brauchen. Deshalb glaube ich, dass für die großen Konzerne eine Frauenquote notwendig ist. In meiner Heimat Schweden beispielsweise haben wir keine derartige Quote. Schon seit Jahrzehnten liegt der Frauenanteil in den nationalen, regionalen und lokalen Parlamenten bei 40 bis 45 Prozent. In der Politik haben wir das ohne Quote geschafft, weil wir eben diesen Druck von der Zivilgesellschaft hatten. Aber für die Unternehmen brauchen wir eine Frauenquote.

Weil die Industrie das nicht freiwillig machen wird?

In Norwegen hat die Politik der Wirtschaft zunächst erlaubt, einen höheren Frauenanteil in Vorstandsetagen durch Selbstregulierung zu erreichen. Das hat nicht funktioniert. Dann hat die Regierung per Gesetz eine Frauenquote von 40 Prozent verordnet, und es hat geklappt.

Manche Befürworter der Frauenquote argumentieren, dass die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise, die sich zu einer Sozialkrise ausgewachsen hat, nicht in diesem Ausmaß stattfinden hätte können, wenn mehr Frauen in Führungspositionen gewesen wären. Wie sehen sie das?

Das ist natürlich schwierig zu beurteilen. Manchmal denke ich aber, wenn es nicht Lehman Brothers gewesen wäre, sondern Lehman Sisters, hätten wir diese Krise vielleicht nicht gehabt. Auf jeden Fall ist es aber wichtig und notwendig, die Kompetenzen beider Geschlechter zu haben, weil wir unterschiedliche Erfahrungen haben.

Müssen Frauen wie Männer denken und handeln, um sich durchzusetzen?

Wenn sie nur eine Frau sind und mit zehn Männern zusammenarbeiten müssen, ist es natürlich schwierig, diese Kultur zu ändern. Manchmal kann man das Gefühl bekommen, dass jemand eine Position nur als Alibifrau bekleidet, aber ich glaube, dass wir Fortschritte machen und dass es möglich ist, dass eine starke Frau in eine hohe Position aufsteigt, ohne die männliche Kultur übernehmen zu müssen.

Wie kann die EU helfen, die Lage der Frauen in islamischen Ländern zu verbessern?

Wir müssen sofort beginnen, Frauen aus diesen Ländern einzuladen – nicht, um zu ihnen zu sprechen, sondern um sie anzuhören, um zu erfahren, wie wir sie in ihrem Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie unterstützen können. Sie müssen wissen, dass wir sie unterstützen. Die demokratischen Bewegungen in diesen Ländern brauchen den Einfluss der weiblichen Erfahrung, z.B. bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung. Dabei können wir ihnen helfen.

Gibt es unter den Europaabgeordneten große Meinungsunterschiede in Frauenfragen?

Manche Fragen sind stark umstritten. Wir haben unterschiedliche Ansichten z.B. über Abtreibung oder Prostitution, oder wenn wir über Muslime und Terrorismus sprechen. Wir kommen aus unterschiedlichen Parteien, Ländern und Kulturen und haben verschiedene Ansätze zur Lösung von Problemen. Im Großen und Ganzen versuche ich aber als Vorsitzende, mit allen Fraktionen gut zusammenzuarbeiten und Kompromisse zu finden. Wenn wir uns auf eine einzige Sichtweise versteifen, kommen wir nicht vorwärts.

Danke für dieses Gespräch.



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