Sonntag 19. Mai 2013, 08:03

Kommentare


Arbeitszeitverkürzung: (Bitteres) Traum(a) vom süßen Leben

Europa ist die einzige Gegend dieser Erde, in der sich die Mär „von der Umverteilung der Arbeit“ hartnäckig hält. Europa ist aber auch die einzige Gegend, in der man Bürgern echte Wirtschaftsbildung vorenthält. Deutschlands LINKE fordert eine Arbeitszeit-Senkung auf 30 Wochenstunden, ohne Einkommensverlust. Für Christian Felber von Attac sind selbst 20 Stunden schon genug (auch hier bei vollem Lohn). Der Standortwettbewerb sei ohnedies nur künstlich inszeniert, um Menschen länger arbeiten zu lassen und noch mehr Profit herauszuschlagen. Tenor: Weniger Arbeiten bei höherem Wohlstand wäre möglich, wenn nur das Wirtschaftssystem umgestellt werden würde.

Weniger Arbeit = höhere Arbeitslosigkeit = mehr Stress

Wochenarbeit-Arbeitslosigkeit
Wochenarbeit-Arbeitslosigkeit
Bild: M.Hörl
Die spektakulären Senkungen der Wochenarbeitszeiten wurden historisch allerdings stets mit der Zunahme von Langzeitarbeitslosigkeit erkauft: Jemand, der für 38 Wochenarbeitsstunden 380 Euro erhält, hat einen Stundenlohn von 10 Euro (€ 380:38). Arbeitet er fortan aber nur noch 35 Stunden für dasselbe Geld, steigt sein Stundenlohn auf 10,86 Euro (€ 380:35). Ein Plus von satten 8,6%. Unglücklicherweise hat er aber nicht um 8,6% mehr produziert.

Knapp kalkulierte Aufträge würden Firmen sofort Verluste bescheren und man würde sie nicht mehr annehmen. Kein Wunder: Auch Arbeitnehmer würden Jobs nicht annehmen, bei denen sie Geld bezahlen müssen.
In einer offenen und freien Gesellschaft wandern Aufträge (und Jobs) damit ins Ausland. Schweizer Firmen schnappen französischen Konkurrenten Aufträge weg. Asiatische Firmen europäischen. Arbeit wird zwar umverteilt, aber von West- nach Osteuropa und den Rest der Welt.
 
Arbeiten Menschen aber um 8,6% weniger, wollen aber gleichzeitig nicht um 8,6% weniger verdienen, bleibt als Ausweg nur mehr, die Maschinen um 8,6% schneller zu drehen. Doch steigen dann Arbeitsdruck und Stress, wie die Einführung der 35 Stundenwoche in Frankreich beweist. Für 75% der Franzosen bedeutet „heute (2007) Arbeit nur mehr Stress“. Selbstmordenserien wie bei der „France Telekom“ erschütterten die Öffentlichkeit. Die Schuld fand man aber nicht bei der eigenen Bequemlichkeit, nur 35 Stunden in der Firma verbringen zu wollen, aber trotzdem so viel zu verdienen, als wäre man 38,5 Stunden dort gewesen, sondern bei einem „international werdenden Kapitalismus und veralteten Managementmetoden“.

Arbeitszeitverkürzung = geringeres BIP = höhere Schulden = höhere Armut

Werden für ein Gehalt statt 38,5 aber nur mehr 35 Stunden gearbeitet, laufen auch Maschinen kürzer. Würde man sie länger laufen lassen, fielen teure Überstunden an – die Variante scheidet damit aus. Damit entstehen aber weniger Güter (= weniger Vermögen), die Notenbanken drucken weniger an Geld. Gleichzeitig steigen wegen der höheren Arbeitslosigkeit die Steuern. Die Realeinkommen sinken, eine Gesellschaft wird ärmer.
Europas Abstand zu „fleißigeren“ Gesellschaften wie der amerikanischen oder der schweizerischen vergrößert sich weiter. Nur die permanente Schuldenaufnahme über Jahrzehnte hinweg konnte dies bisher ausgleichen und damit den sozialen Frieden sichern.
 
Arbeitszeitverkürzungen (und damit die Arbeitskostensteigerungen) treffen zumeist „kleine Leute“: Die Ungelernten, weil zu unproduktiv, die Älteren, weil zu teuer und die Einwanderer, weil oft beides. Und es beschleunigt die Globalisierung mit ihren Produktionsauslagerungen – was freilich auch wieder Vorteile mit sich bringt. 

Europas geschönte Arbeitslosenraten

„Österreicher, Deutsche und Franzosen arbeiten international gesehen am wenigsten, haben aber relativ niedrige Arbeitslosenraten“, meint der Mainstream stolz.
Nirgendwo kann man früher aus dem Arbeitsleben flüchten als in Österreich, Deutschland oder Frankreich. Unglaubliche 31,5% (!) frisst das Millionenheer der Rentner (in Form von Steuern und Pensionsbeiträgen) dafür schon von den Bruttolöhnen der Aktiven (Österreicher)! Dabei macht ihre Rentner-Kultur die Europäer nicht einmal zufriedener. Die Schuld für ihre stagnierenden Reallöhne suchen Populisten nämlich nicht bei der eigenen Bequemlichkeit, sondern bei der „Gier des kapitalistischen Systems“.
Bis zu 150.000 Österreicher sind in Frühpension. Bei 4,1 Millionen Erwerbstätigen sind das 3,6%. Damit scheinen sie auch nicht mehr in der politisch heiklen Arbeitslosen-, sondern in der unverfänglicheren Pensionsstatistik auf. Und vergrößern das Heer der 2 Millionen ASVG- und 500.000 Beamten-Pensionisten. Verschöbe man die Neo-Pensionäre aber in die Arbeitslosenstatistik zurück, explodierte deren Wert sofort von 5,5% auf 9,1%.
Bei Eisenbahnern reichen kurze 35 Jahre schon für eine Vollpension. Statt mit 65 darf man mit 52 Jahre ins Ausgedinge. 220.000 Bundesbahner-Pensionisten sollten von 48.000 aktiven erhalten werden. Das funktioniert natürlich nicht und so springt der Staat jährlich mit Milliardentransfers ein – die er sich über hohe Steuern von seinem Bundesvolk zurückholt. 

Österreichs: 14,5% ohne Job

Damit produzieren Eisenbahner aber um 13 Jahre kürzer Güter und Dienstleistungen, es werden entsprechend weniger Geldnoten gedruckt, weniger BIP und Steuern erzeugt. Dafür saugen die zu vielen Pensionen aber nun viel zu früh die weniger vorhandenen Steuermittel ab. Ein Teufelskreis der Realeinkommensvernichtung. Rechnet man die Eisenbahner zur „ehrlichen“ Arbeitslosenrate dazu, man müsste diese um weitere 5,4%-Punkte erhöhen und käme auf sagenhafte 14,5%.
In Ländern wie den USA, Japan oder auch der Schweiz sind solch sozialpolitisch motivierte Vertuschungsphänomene unbekannt. Der Fleiß sorgt dort für geringere Kosten für Arbeitslosen- und Pensionssystem, die Steuern bleiben niedrig und die hohe Kaufkraft sorgt bei Bürgern für eine gute Stimmung.
In nachfolgender Aufstellung werden drei kapitalistischen Ländern (USA, Schweiz, Japan) drei „rentnerische“, also europäische (Deutschland, Österreich, Frankreich)  gegenübergestellt. Die Arbeitslosenraten wurden um den Frühpensions-Faktor korrigiert (Zahlen vor der Finanzkrise).
Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit, Fleiß und Wohlstand ist unverkennbar. Je mehr und länger man in einer Volkswirtschaft arbeitet, desto höher ist die Kaufkraft und desto geringer ist die Arbeitslosigkeit. Modelle, die diese Logik kunstvoll wegrechnen wollen, gehören in die Welt des Populismus, nicht der Wirtschaftswissenschaften.

 




Kommentar hinzufügen